Die Entwicklung der deutschsprachigen jüdischen Diaspora auf Kuba ist untrennbar mit der Flucht vor der Verfolgung durch das nationalsozialistische Deutschland ab 1933 verbunden. Bis 1945 gelangten etwa 11.000 bis 12.000 europäische Exilant:innen auf die Karibikinsel. Unter ihnen fanden sich sowohl politisch Verfolgte als auch jüdische Geflüchtete aus den von Deutschland besetzten Gebieten in West- und Osteuropa, wobei sich beide Verfolgungskategorien überschneiden konnten. Die weitaus größte Gruppe bildeten jedoch die etwa 6.000 Jüdinnen und Juden aus dem deutschsprachigen Raum.
Fast alle von ihnen betrachteten Kuba lediglich als Zwischenstation auf ihrer Flucht und hofften auf eine schnelle Weiterreise, vor allem in die Vereinigten Staaten. Bis Kriegsende gelang dies jedoch kaum mehr als der Hälfte von ihnen. Auch für diejenigen, die länger blieben, nahm die Karibikinsel meist nur den Charakter eines temporären Provisoriums an. Dazu dürfte beigetragen haben, dass auf Kuba – im Gegensatz zu anderen Ländern auf dem amerikanischen Kontinent wie den USA, Argentinien, Chile, Uruguay oder Brasilien – damals keine bereits etablierte deutsch-jüdische Diasporagemeinschaft existierte.
Die Geschichte der jüdischen Flucht und Migration nach Kuba ist in Grundzügen zwar dokumentiert. Auch liegen biografische Einzelstudien zu prominenteren Protagonist:innen vor, insbesondere des politischen Exils. Eine systematische Darstellung, die auch die Alltagskulturen deutschsprachiger Jüdinnen und Juden auf Kuba in den Blick nimmt, steht hingegen noch aus.
Erste jüdische Spuren auf Kuba reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten einige ,conversos‘ (zum Christentum zwangskonvertierte Jüdinnen und Juden oder deren Nachkommen) die Insel bereits mit Christoph Kolumbus (1451–1506) erreicht. Allerdings blieb jüdisches Leben unter der darauffolgenden spanischen Herrschaft aufgrund religiöser Repression nahezu unsichtbar. Das änderte sich erst mit der schrittweisen Ablösung von der Kolonialherrschaft im Verlauf des 19. Jahrhunderts. An den aufeinanderfolgenden Unabhängigkeitskriegen gegen die spanische Krone beteiligten sich verschiedene, mitunter deutschsprachige jüdische Migranten – so beispielsweise der in Warschau geborene, jedoch in Königsberg (Kaliningrad) aufgewachsene Carlos Roloff (1842–1907), der zunächst als General diente und nach der Gründung der Republik 1902 erster Finanzminister Kubas wurde.
Mit der neuen Verfassung von 1902 wurde die Religionsfreiheit auf Kuba verankert. Gleichzeitig setzte aufgrund wirtschaftlicher Chancen eine wachsende Einwanderung ein. Bis Anfang der 1930er Jahre wuchs die jüdische Bevölkerung Kubas von kaum mehr als 100 auf über 10.000 Personen. Genaue Zahlen sind aufgrund der Transitmigration in die USA schwer zu ermitteln.
Die bis Anfang der 1930er Jahre etablierte jüdische Bevölkerung setzte sich aus drei Gruppierungen zusammen. Um die Jahrhundertwende waren jüdische Unternehmer europäischer Herkunft aus den USA nach Kuba eingewandert. Gemeinhin wurden sie als ‚americanos‘ bezeichnet, auch wenn einzelne ursprünglich aus dem deutschsprachigen Raum stammten. Viele von ihnen gelangten zu Ansehen und Erfolg – wie der in München geborene Frank Maximilian Steinhart (1864–1938). Nachdem er als Sergeant nordamerikanischer Invasionstruppen nach Kuba gekommen und 1902 zum Generalkonsul in Havanna ernannt worden war, baute er ein Wirtschaftsimperium auf, das ihn bis an die Spitze der Havana Electric and Urban Transport Company führte.
Abb. 1: Der aus Bayern stammende Unternehmer und Diplomat Frank Maximilian Steinhart, 1907, unbekannter Fotograf; Wikimedia Commons.
Wie Steinhart lebten die ‚americanos‘ vornehmlich in den wohlhabenden Vierteln Havannas, insbesondere in Miramar, Santos Suárez und Vedado. Im Jahr 1906 gründete eine Gruppe von ihnen mit der United Hebrew Congregation (UHC) die erste Jüdische Gemeinde und Synagoge des Landes. Im frühen 20. Jahrhundert siedelten zudem 2.000 bis 4.000 sefardische Jüdinnen und Juden aus dem nördlichen Afrika und dem zerfallenden Osmanischen Reich auf die Karibikinsel über. Der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution von 1917 führten anschließend zu einer größeren Einwanderung jiddischsprachiger Jüdinnen und Juden aus dem östlichen Europa.
Bis Ende der 1920er Jahre war im Zentrum Havannas ein jüdisch geprägtes Viertel mit Schulen, Synagogen und Einrichtungen des täglichen Bedarfs entstanden. Die Milieus von ,americanos‘, sefardischen und aschkenasischen Jüdinnen und Juden prosperierten jeweils für sich. Zwischen ihnen bildeten sich kaum Überschneidungen und die jüdische Bevölkerung blieb stark entlang dieser drei Gruppen fraktioniert.
Abb. 2: Postkarte vom Stadtteil Vedado im Zentrum Havannas, um 1908; Wikimedia Commons.
Auch drei Jahrzehnte nachdem Kuba seine formelle Unabhängigkeit erlangt hatte, galt die Insel als Protektorat der USA. Aufgrund ihrer geografischen Nähe und Bedeutung als geostrategischer Knotenpunkt in der Karibik übte Washington erheblichen Einfluss auf die Regierung in Havanna aus. Im September 1933 hatte das kubanische Militär mit der Duldung der USA seine politische Macht durch einen Putsch entschieden ausgebaut. Zwar wurde das Land weiterhin von zivilen Regierungen geführt. Die eigentlichen Geschicke lenkte seitdem jedoch Fulgencio Batista (1901–1973), von 1934 bis 1940 als Generalstabschef des Militärs und schließlich von 1940 bis 1944 im Amt des Staatspräsidenten. Batista etablierte ein ebenso pragmatisches wie autoritär abgesichertes Regime. Es gab sich den Anschein demokratischer Rechtsstaatlichkeit und förderte soziale Reformen, stützte sich jedoch auf ein hochausdifferenziertes System von Vetternwirtschaft und Korruption, Wahlfälschung und militärischer Machtsicherung. Ideologisch blieb Batista flexibel, wenngleich innenpolitisch ein mitunter scharfer Nationalismus den Kurs bestimmte. Außenpolitisch hingegen orientierte er sich an den Interessen der USA.
Wohl auch deshalb wurde die Karibikinsel zu einem der wichtigsten Fluchtziele europäischer und deutschsprachiger Jüdinnen und Juden in Lateinamerika. Als sich die Situation in Europa 1938/39 durch den ,Anschluss‘ Österreichs, die Novemberpogrome sowie den deutschen Überfall auf Polen massiv verschärfte und internationale Anstrengungen wie die Évian-Konferenz keine dauerhaften Lösungen erreichten, versuchten immer mehr Jüdinnen und Juden, den Kontinent zu verlassen. Da die USA oft unerreichbar waren, sahen sich viele gezwungen, nach alternativen Fluchtrouten zu suchen.
Abb. 3: Kubanischer Ausländer-Registrierungs-Ausweis für die Berliner Schauspielerin Margarete Ittelson (1898–1986), Havanna 24. Februar 1939; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. DOK 87/18/50, Schenkung von Werner Schmidt, Foto: Jens Ziehe.
Aufgrund seiner geografischen Lage vor der Küste Floridas und eines pragmatischen Kurses in Einwanderungsfragen bot sich Kuba als mögliche Alternative an. So erklärte sich Batista bereit, Transitflüchtlinge aufzunehmen, um sich als politischer Partner Washingtons zu präsentieren und Kubas Image als moderner Staat aufzuwerten. Zugleich hoffte er auf ökonomische Vorteile, einerseits indem die Einwanderung durch die Vergabe von Visa sowie Gelder aus Korruption und Gebühren monetarisiert wurde, andererseits durch die Geflüchteten selbst, die sich zukünftig als Händler, Fachkräfte oder Investoren auf der Insel betätigen würden. Einen ähnlichen Kurs hatte auch Rafael Trujillo (1891–1961) in der nahegelegenen Dominikanischen Republik eingeschlagen, wenngleich seine Politik ideologisch überdeterminiert war. So verband Trujillo mit der Aufnahme der als gebildet und kultiviert empfundenen jüdischen Geflüchteten aus Europa die explizit biopolitische Agenda, die rassistisch abgewertete eigene Bevölkerung ‚aufzuhellen‘. Die kubanische Regierung folgte einem eher strategisch bis opportunistischen Kurs.
Im Herbst 1938 ließ der Generaldirektor der kubanischen Einwanderungsbehörde, Manuel Benítez González (?–1946), mit der Zustimmung Batistas im Zentrum Havannas ein Büro eröffnen, das Visa mit Tourist:innen- oder Transitstatus für jeweils 150 US-Dollar verkaufte. Schnell entwickelte sich daraus ein weitverzweigtes System aus Bestechungen und halblegalen Zahlungen, über das Geflüchtete noch in Europa von kubanischen Konsulaten oder von Schifffahrtsgesellschaften die immer begehrteren Einreiseerlaubnisse für die Antilleninsel erwerben konnten. Bis Juli 1939 sowie von Mitte 1941 bis Anfang 1942 kamen so in zwei aufeinanderfolgenden Fluchtbewegungen jeweils 5.000 bis 6.000 jüdische Geflüchtete nach Kuba.
Sie hatten Europa zunächst über Hamburg oder Marseille verlassen. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 gelang die Flucht meist nur noch über Belgien, die Niederlande oder Portugal. Während die Mehrzahl der bis 1939 nach Kuba gelangten Geflüchteten trotz der geringen Einwanderungskontingente ihr eigentliches Ziel – die USA – erreichen konnte, blieben fast alle der ab 1941 Eintreffenden bis zum Kriegsende in Havanna.
Die Geflüchteten stellten das Land vor erhebliche Herausforderungen. Die wirtschaftlichen Bedingungen gestalteten sich bereits seit einigen Jahren schwierig. Zudem befand sich die jüdische Bevölkerung in einer Situation doppelter Verwundbarkeit. Nach innen blieb sie in die kaum miteinander verbundenen Gemeinschaften von sogenannten americanos, Sefard:innen und osteuropäischen Einwander:innen zersplittert – unter denen wiederum tiefe Gräben zwischen dem zionistischen und kommunistischen Lager verliefen. Von außen sah sie sich wiederum einer seit 1935 zunehmend schärfer geführten antisemitischen Kampagne ausgesetzt.
Wie an vielen Orten Lateinamerikas hatten sich auch auf Kuba einige der etwa 400 bis 800 Auslandsdeutschen ab 1933 dem Nationalsozialismus zugewandt. Zu seiner Keimzelle in Havanna war die Deutsche Schule im Stadtteil Vedado geworden, wo unter gehisster Hakenkreuzflagge eine paramilitärische Ausbildung der Schuljugend betrieben wurde. Zunächst wurde die Kampagne gegen die jüdische Bevölkerung jedoch vornehmlich von spanischstämmigen Anhänger:innen der Falange getragen, die eng mit dem hohen Klerus der Insel und dem dort verbreiteten katholischen Antijudaismus verbunden waren.
In den ersten Jahren hatten sich die Anfeindungen gleichermaßen gegen die bereits länger auf Kuba lebenden jüdischen Unternehmer sowie die später eingewanderten Jüdinnen und Juden aus dem östlichen Europa gerichtet. Mit der wachsenden Zahl an Geflüchteten aus Deutschland und Österreich verschob sich zum Ende der 1930er Jahre nicht nur das Ziel dieser Anfeindungen. Wohl unmittelbar von Berlin beeinflusst, war auch der Ton merklich schärfer geworden. Im Jahr 1938 schätzte die New York Herald Tribune, dass etwa 5.000 Personen auf Kuba offen mit dem Nationalsozialismus sympathisierten.
Die offen vorgetragenen Warnungen vor einer imaginierten jüdischen Bedrohung blieben nicht ohne Folgen. Angesichts des anhaltenden innenpolitischen Drucks gab Kuba im Mai 1939 seine bisherige Haltung gegenüber den jüdischen Geflüchteten zugunsten einer restriktiveren Politik auf. So verfügte Präsident Laredo Brú (1875–1946) per Dekret über ein Einreiseverbot für sämtliche Ausländer:innen. Ausgenommen davon blieben lediglich Bürger:innen der USA sowie all jene, die über eine explizite Genehmigung der kubanischen Behörden und eine Kaution von 500 US-Dollar verfügten. Sämtliche Visa, die über das Büro von Benítez ausgestellt worden waren, wurden annulliert.
Die drastischen Konsequenzen dieser Kehrtwende wurden schnell deutlich. Am 13. Mai 1939 hatte der Passagierdampfer St. Louis der Hamburg-Amerika-Linie seinen norddeutschen Heimathafen mit Kurs auf Kuba verlassen. An Bord befanden sich 937 überwiegend deutsch-jüdische Geflüchtete. 734 der Passagier:innen verfügten über Visa, die ihnen nach ihrer Ankunft innerhalb von drei Jahren die Weiterreise in die USA ermöglicht hätten. Durch das nur einige Tage vor ihrer Abfahrt erlassene Dekret hatten sie jedoch ihre Gültigkeit verloren. Deutsche Stellen hatten die Nachricht über das bevorstehende Eintreffen des Schiffs gezielt verbreitet, um eine feindselige Stimmung zu schüren. Tatsächlich erreichte die bereits schwelende antisemitische Agitation daraufhin ihren Höhepunkt. Während große Tageszeitungen wie der Diario de la Marina gegen die Ankunft der Geflüchteten hetzten, rief der kubanische Senator und vormalige Präsident des Landes, Ramón Grau San Martín (1887–1969), zu einer Demonstration gegen jüdische Einwanderung auf, an der sich über 40.000 Menschen beteiligten.
Abb. 4: Mitglieder der Familie Heilbrun aus dem thüringischen Nordhausen an Bord der St. Louis, 1939; United States Holocaust Memorial Museum, Ruth Heilbrun Windmuller.
Als die St. Louis am 27. Mai kubanische Gewässer erreichte, wurde ihr die Einfahrt in den Hafen Havannas verwehrt. Die Verhandlungsbemühungen des deutschen Kapitäns Gustav Schröder (1885–1959) zugunsten der Passagier:innen blieben vergeblich. Am Ende durften nur 29 Personen an Land gehen. Am 2. Juni wurde der Dampfer schließlich von Booten der kubanischen Marine aus dem Hoheitsgebiet Kubas geschleppt und nahm Kurs auf Südflorida. Doch auch die USA und später Kanada lehnten die Aufnahme der Geflüchteten ab. Schließlich musste die St. Louis mit über 900 Menschen an Bord, die sich in Sicherheit vor dem Zugriff der Deutschen gewähnt hatten, nach Europa zurückkehren. Etwa ein Drittel der Passagier:innen fand Zuflucht in Großbritannien. Die übrigen wurden auf Belgien, Frankreich und die Niederlande aufgeteilt, wo sie wenig später unter deutsche Besatzung gerieten. 254 von ihnen wurden in der Schoa ermordet.
Die Irrfahrt der St. Louis wurde zum Symbol für das Scheitern der internationalen Flüchtlingspolitik. Nach dem deutschen Überfall auf Polen lockerte Kuba zwar zunächst die Einreisebestimmungen und ließ ab Oktober 1940 – wenn auch zu stark erhöhten Preisen – noch mehrere tausend deutschsprachige Jüdinnen und Juden ins Land. Nach Kubas Kriegseintritt im Dezember 1941 stoppte Batista auf US-Druck hin im April 1942 jedoch die Aufnahme von Geflüchteten aus ,feindlichen‘ Ländern. Betroffene, die bereits im Land waren, erhielten daraufhin temporäre Aufenthaltserlaubnisse bis zum Kriegsende. Eines der letzten Schiffe, der portugiesische Dampfer São Tomé mit 250 Passagier:innen, erreichte Kuba im April 1942.
Die Ankunft auf Kuba war für die jüdischen Emigrant:innen oft mit durchmischten Gefühlen verbunden. Einerseits bedeutete sie die Rettung vor der nationalsozialistischen Verfolgung, andererseits standen sie nun vor einer Reihe neuer Herausforderungen und Unwägbarkeiten. Statt der ersehnten Freiheit wurden alle Neuankömmlinge zunächst im Auffanglager Tiscornia interniert. Unter prekären hygienischen Bedingungen mussten sie dort ausharren, bis die kubanischen Behörden ihnen schließlich eine Einreisegenehmigung erteilten. Mitunter konnte die Bewilligung Wochen, bisweilen Monate, dauern.
Aus dem Lager gelangten sie daraufhin in ein unbekanntes Land, dessen Sprache und Kultur ihnen fremd waren. Nur sehr wenige von ihnen konnten Spanisch. Havanna mochte sich zwar als architektonische Schönheit entpuppen. Doch die bisweilen extremen klimatischen Verhältnisse aus tropischer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit sowie der als chaotisch wahrgenommene Alltag der neuen Umgebung lösten nicht selten Desorientierung und Ratlosigkeit aus.
Abb. 5: Straßenszene in Havanna, 1938. Schenkung von Eva Tinianow; Inv.-Nr. 2009/115/41, Jüdisches Museum Berlin. Das Foto stammt aus dem Nachlass des Berliner Arztes Kurt Eichwald (1891–1948).
Vor allem aber zog die Flucht meist einen wirtschaftlichen und sozialen Abstieg nach sich. Hatten die Geflüchteten Tiscornia endlich hinter sich gelassen, wurden sie mehrheitlich in einer der in die Jahre gekommenen Pensionen von Alt-Havanna untergebracht. Die typischen, noch aus der spanischen Kolonialzeit stammenden Häuser drängten sich um schmale Innenhöfe, in denen auf engstem Raum gemeinsam gewaschen, gekocht und gelebt wurde. So fanden sich vormals wohlhabende Bürger:innen plötzlich in Sammelunterkünften mit parzellierten Zimmern wieder, die ebenso wenig Privatsphäre boten wie sie Fenster hatten. Einigen wenigen der deutschsprachigen Geflüchteten, die bis 1939 nach Kuba gekommen waren, gelang es durch einiges Geschick, die richtigen Kontakte und vor allem finanzielle Mittel, schließlich eine Unterkunft in einem der wohlhabenderen Viertel wie Vedado oder Miramar zu finden. Dadurch konnten sie zwar ein gewisses Maß an Status aufrechterhalten, doch blieben sie meist von finanziellen Zuwendungen von Freund:innen und Verwandten an anderen Orten der deutsch-jüdischen Diaspora abhängig.
Die Situation der großen Mehrheit, allen voran all jener, die erst nach Kriegsausbruch geflohen waren, gestaltete sich prekärer. Neben der Unterbringung stellte sie insbesondere das kubanische Arbeitsrecht vor Schwierigkeiten. Unmittelbar nach dem Militärputsch im Jahr 1933 hatte die neue politische Führung unter der Formel „Cuba para los cubanos“ (Kuba für die Kubaner) ein Gesetz zur Nationalisierung der Arbeit erlassen. Es sah vor, dass mindestens die Hälfte sämtlicher Mitarbeiter:innen eines Betriebs die kubanische Staatsangehörigkeit haben musste. Zudem durften neu geschaffene Stellen ausschließlich durch Kubaner:innen besetzt werden. Dadurch war es den jüdischen Geflüchteten meist unmöglich, eine reguläre Arbeitserlaubnis zu erhalten. Nur sehr wenige konnten sich legal auf dem kubanischen Arbeitsmarkt etablieren. Die meisten von ihnen, die überhaupt Arbeit fanden, mussten auf informelle Bereiche ausweichen oder blieben von Bestechungsgeldern und Beziehungen abhängig. So verdienten sie sich als Musik- oder Sprachlehrer:innen ein Zubrot, praktizierten inoffiziell als Mediziner:innen oder wurden von kubanischen Unternehmen – meist mit Verbindungen zur US-amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft – beschäftigt, ohne dort offiziell angestellt zu sein.
Im April 1942 wurde das generelle Arbeitsverbot schließlich gelockert. Mit der Umwandlung des Aufenthaltsrechts durch Batista konnten jüdische Geflüchtete nun offiziell geschäftlich tätig sein – allerdings nur dann, wenn dies im Interesse Kubas lag. Auf Regierungsseiten hoffte man, dass die meist gut ausgebildeten Jüdinnen und Juden ihre Kenntnisse in spezifischen Branchen an kubanische Arbeitskräfte weitergeben würden. Statt eines erhofften Wissenstransfers, der insgesamt gering ausfiel, entstand für kurze Zeit eine eigenständige wirtschaftliche Nische.
Mit dem Vormarsch der Wehrmacht in Westeuropa waren ab 1940 Hunderte Jüdinnen und Juden polnischer Herkunft aus Belgien nach Kuba geflohen. Viele von ihnen waren in Antwerpen im Diamantengeschäft tätig gewesen. Sobald die rechtlichen Bestimmungen gelockert wurden, gründeten sie in Havanna neue Werkstätten. Bald entstand eine florierende Schmuckdiamantenindustrie. Bis 1943 eröffneten etwa 60 Manufakturen, die zwischen zehn und 40 Mitarbeiter:innen beschäftigten. Auf ihrem Höhepunkt waren knapp 2.000 Emigrant:innen überwiegend jüdischer Herkunft in den Werkstätten tätig. Die Arbeitsbedingungen in den kleinen, improvisierten Manufakturen waren miserabel und der Lohn spärlich. Für viele stellten sie jedoch die einzige Verdienstmöglichkeit dar.
Abb. 6: Die aus Hamburg geflohene Marion Finkels Kreith (1927–2025) bei der Arbeit in einer Diamantenschleiferei, um 1943; mit freundlicher Genehmigung von Judy Kreith.
Die kurze Blüte der Diamantenindustrie oder informelle Anstellungen mochten für einige der jüdischen Geflüchteten die ökonomischen Sorgen zeitweise zwar ein wenig mildern, insgesamt blieb die Existenzsicherung aber als drängendes Problem bestehen. Entscheidende Unterstützung, nicht nur in Form finanzieller Zuwendungen, erhielten Geflüchtete von zwei aus den USA finanzierten jüdischen Hilfsorganisationen. Seit 1924 waren die Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS) und das American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) auf Kuba tätig. Angesichts der wachsenden Zahl von Geflüchteten hatte das JDC mit dem Joint Relief Committee 1937 einen lokalen Ableger in Havanna gegründet, der zwei Jahre später offiziell als Asociación Nacional Conjunta para Auxilio a Refugiados y Emigrantes (Gemeinsamer Nationaler Verband für Flüchtlings- und Migrantenhilfe) eingetragen wurde.
Unter der zeitweiligen Direktion von Laura Margolis Jarblum (1903–1997) und dem unermüdlichen Engagement von Sekretär Jacobo ,Jack‘ Brandon (1880–1960) kam die Organisation für die monatliche finanzielle Unterstützung der Geflüchteten auf. Außerdem stellte sie Anwälte bereit, die sie in Aufenthaltsfragen berieten, und bot Hilfe bei den Bemühungen um Visa für die USA an. In einer Art Arbeitsteilung übernahmen HIAS und das von ihm gegründete Centro Israelita de Cuba die Verantwortung für die Geflüchteten, indem sie auch die Internierten in Tiscornia versorgten und sie – dank ausgezeichneter Beziehungen zu den kubanischen Stellen – bei den Einreiseformalitäten unterstützten.
Vermittelt über einzelne ihrer Protagonist:innen standen HIAS und JDC, ohne die das kubanische Exil derart nicht möglich gewesen sein dürfte, mit der kleinen US-amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft Havannas in Verbindung. Zu den weitaus größeren sefardischen und aschkenasischen Gemeinschaften bestanden hingegen kaum Kontakte. Das galt nicht nur für die Hilfsorganisationen, sondern auch für die Geflüchteten. Lediglich auf dem Höhepunkt der antisemitischen Kampagne Ende der 1930er Jahre hatte es mit dem Comité de Defensa contra el Antisemitismo (Komitee zur Verteidigung gegen den Antisemitismus) kurzzeitig einen Dachverband gegeben, in dem Geflüchtete und die unterschiedlichen jüdischen Bevölkerungsgruppen der Insel zusammengearbeitet hatten.
Auf Kuba spiegelten sich insbesondere zwischen den jiddischsprachigen Einwander:innen der 1920er Jahre und deutschsprachigen jüdischen Geflüchteten der 1930er Jahre die sozialen und kulturellen Differenzen wider, die bereits in Europa zu bemerken gewesen waren. Obwohl die neuankommenden ,Daitschen‘ oftmals in ärmlichen Verhältnissen leben mussten, wurden sie von den osteuropäischen Jüdinnen und Juden bisweilen als überheblich und arrogant wahrgenommen. Der Eindruck eines sozialen Gefälles mochte sich gerade durch jene wenigen verstärken, die nicht im Zentrum der Hauptstadt unterkamen, sondern in den gehobenen Kreisen Vedados verkehrten, kulturelle Veranstaltungen besuchten und sich im Umfeld der United Hebrew Congregation bewegten.
Trotz der bestehenden Restriktionen entstand bis Kriegsende 1945 im Zusammenhang mit der deutsch-jüdischen Gemeinschaft auf Kuba eine ganze Reihe kleinerer Einrichtungen des alltäglichen und politischen Lebens. Im Zentrum Havannas existierten jüdische Bäckereien und Lebensmittelgeschäfte. Auf dem Paseo del Prado, einer der wichtigsten Alleen der Hauptstadt, gründeten deutschsprachige Jüdinnen und Juden die Gaststätten Annie Stein und Siboney, die ähnlich wie Lucerna oder Reissmann’s – die Schweizer beziehungsweise Wiener Küche anboten – zu zentralen Treffpunkten wurden. Das Kino Cine Gris in Vedado bot am ,Montag des Emigranten‘ deutsch- und französischsprachige Filme an, abends trafen sich Einheimische, Geflüchtete und Emigrant:innen mit dem nötigen Kleingeld im unweit gelegenen Tropicana Club im Stadtteil Marianao, der Konzerte, Theater und Lesungen bisweilen auf Jiddisch oder Russisch anbot.
1939 gründeten die deutschsprachigen jüdischen Geflüchteten auf Kuba die Asociación Democrática de Refugiados Hebreos (Demokratische Vereinigung jüdischer Flüchtlinge), um ihre Interessen nach außen zu vertreten. Zu ihrer Stimme wurde die in unregelmäßigen Abständen als Magazin auf Deutsch erscheinende Jüdische Rundschau. Hier konnten sowohl Nachrichten über die Ereignisse in Europa als auch über die neue Umgebung gelesen werden. Daneben zirkulierte der Rundbrief Unterwegs. Neben hektografierten Nachrichten und Artikeln auf Deutsch, Spanisch oder Englisch kombinierte er Anzeigen deutschsprachiger Firmen mit Inseraten von Diamantenschleifereien oder Sprachschulen. Teilweise wurden auch Übungssätze zum Sprachenlernen gedruckt. Meist ging es dabei um das Englische, da die meisten beabsichtigten, weiter in die USA zu emigrieren.
Abb. 7: Die Familie Jacobsohn aus Berlin mit Freund:innen in Havanna, 1939/40; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2007/127/68, Schenkung von Ilse Jacobson.
Die auf Kuba entstandene deutsch-jüdische Gemeinschaft blieb weitgehend unter sich. Sowohl zur lokalen jüdischen Bevölkerung als auch zur kubanischen Mehrheitsgesellschaft entstanden nur vereinzelt engere Kontakte. Eine kleine Minderheit innerhalb dieser Gruppe bildete ein Kreis von etwa 100 Personen, die jüdischer Herkunft waren und zugleich als politisch Verfolgte galten. Im Vergleich zu Städten mit etablierten deutschsprachigen Gemeinschaften wie New York, Mexiko-Stadt oder Buenos Aires bildeten sie jedoch kaum ein aktives politisches Milieu. Dies lag vor allem daran, dass die Mehrheit von ihnen Kuba lediglich als Provisorium betrachtete. Hinzu kam die auch andernorts zu beobachtende politische Zurückhaltung der Geflüchteten, die von der Gunst der Aufnahmegesellschaft und wechselnden, mitunter autoritären Regierungen abhängig blieben.
Wie in vielen anderen lateinamerikanischen Fluchtorten war die politische Exilszene in Havanna zerstritten und in kleine Fraktionen zerfallen. Neben alten, noch aus Europa nachwirkenden Differenzen stand dabei oftmals das Verhältnis zum Stalinismus im Zentrum der Auseinandersetzungen. Zu den prominenteren Köpfen gehörten August Thalheimer (1884–1948) und seine Frau Cläre Thalheimer geborene Schmidt (1892–1983). Aufgewachsen in einer jüdischen Familie aus dem württembergischen Affaltrach hatte August Thalheimer 1928 eine vielbeachtete Analyse des Faschismus vorgelegt und galt als einer der theoretischen Vordenker des deutschen Kommunismus. Als vehementer Kritiker Josef Stalins (1878–1953) hatte er jedoch mit der Kommunistischen Partei gebrochen. 1933 war Thalheimer aus Deutschland zunächst nach Frankreich geflohen. Da man ihm später als versiertem ‚Klassenkämpfer‘ die Einreise in die USA versagte, ging er 1941 nach Kuba. In Havanna bildete sich schnell ein kleiner Kreis ehemaliger Sympathisanten der von Thalheimer mitbegründeten Kommunistischen Partei-Opposition (KPO), der sich mit theoretischen Fragen des Marxismus auseinandersetzte. Bevor Thalheimer die geplante Rückkehr nach Westdeutschland gelang, verstarb er im September 1948. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof Guanabacoa in Havanna beerdigt.
Abb. 8: August Thalheimer in Havanna, 1940er Jahre; Wikimedia Commons.
In sporadischem Kontakt mit der Gruppe um Thalheimer stand ein loser Kreis, den die beiden vormaligen Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), Boris Goldenberg (1905–1980) und Fritz Lamm (1911–1977), prägten. Lamm war 1942 auf einem der letzten Schiffe aus Europa geflohen. Auf Kuba arbeitete er als Diamantenschleifer und wurde einer der Sekretäre der neugegründeten Gewerkschaft jüdischer Diamantenschleifer. Goldenberg lebte seit September 1941 mit seiner Frau Rosa Goldenberg (?–?) in Havanna. Er publizierte Zeitungsartikel und hielt Gastvorträge an der dortigen Universität. Später hieß es, seine Einführungen in den Marxismus hätten einige der Vordenker der ab 1953 von Fidel Castro (1926–2016) angeführten Kubanischen Revolution tief geprägt. Zugleich engagierte sich Goldenberg in der erwähnten Asociación Democrática de Refugiados Hebreos.
Das Ehepaar Hans (1903–1960) und Lisa Fittko geborene Ekstein (1909–2005) hingegen sympathisierte mit der Sozialdemokratie. Während er seine Kindheit in Berlin-Spandau verbracht hatte, war sie in einer jüdischen Familie in Budapest und Wien aufgewachsen. In Europa waren sie bis zu ihrer Flucht Mitte 1941 Teil des Netzwerks des US-amerikanischen Journalisten Varian Fry (1907–1967). Im Auftrag seines Emergency Rescue Committees schleusten sie von Banyuls-sur-Mer aus zahlreiche Intellektuelle, Schriftsteller:innen und Künstler:innen über die Pyrenäen. Während die von ihnen begleitete Flucht des Philosophen Walter Benjamin (1892–1940) im spanischen Portbou scheiterte, gelang vielen anderen von dort aus die rettende Überfahrt über den Atlantik. Auf Kuba arbeitete Hans Fittko als Diamantenschleifer. Lisa Fittko war als Übersetzerin und Sekretärin tätig.
Abb. 9: Passfoto von Lisa Fittko mit einem Stempel des Komitees für deutsch-jüdische Flüchtlinge auf Kuba, 1942; Wikimedia Commons.
Die größte und politisch aktivste Gruppe auf Kuba bildeten die Kommunist:innen. Ab 1942 schlossen sie sich zunächst lose als Amigos del Movimiento Alemania Libre (Freunde der Bewegung Freies Deutschland) zusammen. Am 1. Juni 1943 ging daraus das Comité Alemán Antifascista de Cuba (CAAC) hervor. Es bestand aus 25 festen Mitgliedern. Unter der Leitung des Künstlers Gert Caden (1891–1990) (bürgerlich Ernst Richard Gert Kaden) gehörten ihm zahlreiche deutschsprachige Jüdinnen und Juden an, die vor dem NS-Regime geflohen waren. Darunter Heinz Geggel (1921–2000), der spätere Leiter der Abteilung Agitation des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), sowie die spätere Lektorin Ruth Herrmann (1906–1983).
Vorbild des CAAC war die im kommunistischen Exilmilieu in Mexiko um den Schriftsteller Ludwig Renn (1889–1979), den Politiker und KPD-Funktionär Paul Merker (1894–1969) sowie den Publizisten Otto Katz (1895–1952) gegründete Bewegung Freies Deutschland. Wie diese stand auch das CAAC unter dem Einfluss der Sowjetunion und ihrer auf breite Bündnisse zielenden ‚Volksfrontstrategie‘. Es wurde zur einzigen Vereinigung, die sich in nennenswertem Maße politisch artikulierte. Die antistalinistisch eingestellten Kreise gingen meist auf Distanz und erhoben bisweilen den Vorwurf des Gesinnungsdrucks gegen die Organisation. Versuche, jenseits der Kommunist:innen einen dauerhaften politischen Zusammenschluss herzustellen, schlugen jedoch fehl.
Als die Reisebeschränkungen mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelockert wurden, setzte unter den jüdischen Geflüchteten auf Kuba eine massive Abwanderungsbewegung ein. Bereits in der zweiten Jahreshälfte 1945 hatte die überwiegende Zahl von ihnen die Karibikinsel verlassen. Innerhalb weniger Jahre war die jüdische Bevölkerung wieder auf das Vorkriegsniveau von etwa 11.000 Personen gesunken. Dabei lassen sich deutliche Unterschiede beobachten zwischen denjenigen, die als Jüdinnen und Juden verfolgt wurden, und denen, die trotz jüdischer Herkunft vornehmlich aus politischen Gründen geflohen waren. Lediglich drei bis vier Prozent der ersten Gruppe kehrten nach Deutschland oder Europa zurück. Der weit größere Teil reiste weiter in die USA oder in das britische Mandatsgebiet Palästina. Innerhalb des politischen Exilmilieus lag die Rückkehrquote deutlich höher. Allerdings musste die Remigration in den meisten Fällen selbst organisiert werden. Gerade im Fall der politisch Verfolgten nahm dies mitunter einige Zeit in Anspruch. Wer nicht in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) wollte, musste häufig aufgrund des früheren Engagements in Parteien, die wie die SAP von den Alliierten als kommunistische Keimzellen beargwöhnt wurden, länger auf die Einreisegenehmigung warten.
Bis 1948 hatten dennoch nahezu alle deutsch-jüdischen Geflüchteten, die sich im politischen Exil Kubas bewegt hatten, das Land verlassen. Eine Ausnahme bildete Boris Goldenberg. Er beantragte 1946 die kubanische Staatsbürgerschaft. In den Folgejahren nahm er einen Lehrauftrag an der renommierten bilingualen Schule Ruston Academy in Havanna an, engagierte sich kurzzeitig im Movimiento Socialista Revolucionario (Sozialistische revolutionäre Bewegung) und verfasste politische Essays für dessen Zeitschrift Tiempo en Cuba (Zeit in Kuba). Nach dem Sturz Fulgencio Batistas durch die Revolution Fidel Castros im Januar 1959 blieb Goldenberg ein weiteres Jahr in Havanna. Enttäuscht von der zunehmend autoritären Politik der Revolutionsregierung, verließ auch er die Insel und kehrte 1960 in die Bundesrepublik Deutschland zurück, wo er die Lateinamerika-Redaktion der Deutschen Welle in Köln leitete.
Castro hatte sich zwar nie gezielt gegen die Jüdinnen und Juden Kubas gewandt. Einige Mitglieder seiner Regierung waren selbst jüdischer Herkunft, darunter der aus Hannover stammende Richard Wolf (1887–1981), den Castro zum ersten Botschafter Kubas in Israel ernannte. Dennoch führte die Revolution vor allem aus ökonomischen Gründen zu einer fundamentalen Abwanderung der mittlerweile meist wohlhabenden jüdischen Bevölkerung. Etwa 70 Prozent kehrten dem Land bis 1962 den Rücken.
Heute leben nur noch etwa 1.200 Jüdinnen und Juden auf der Insel, die meisten von ihnen in der Hauptstadt Havanna. Insgesamt gibt es sechs Synagogen im Land. Seit 2000 ist auch das JDC wieder dort aktiv. Die kurze, aber intensive Phase der deutschsprachigen jüdischen Diaspora – besonders geprägt durch Transitmigration – hat langfristig jedoch nur geringe Spuren in der zunehmend durchmischten Gemeinschaft hinterlassen. Im Jahr 2005 wurde der Erfahrung jüdischer Geflüchteter auf Kuba von der sefardischen Gemeinde in Havanna mit der Ausstellung ‚Nosotros recordamos‘ (Wir erinnern) gedacht.
Cuba’s Forgotten Jewels: A Haven in Havana, Dokumentarfilm von Robin Truesdale and Judy Kreith, 2017: https://forgottenjewelsfilm.com/
Gespräch mit Marion Finkels Kreith über ihre Flucht aus Deutschland nach Kuba und ihr Leben in den USA, Museum of Boulder, 15.05.2025: https://www.youtube.com/watch?v=w2ywjgfABXY
Dieses Werk unterliegt den Bedingungen der Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz. Unter Namensnennung gemäß der Zitationsempfehlung darf es in unveränderter Form für nicht-kommerzielle Zwecke nachgenutzt werden.
Dr. Lukas Böckmann ist Historiker mit Forschungsschwerpunkten in der Ideengeschichte und Intellectual History sowie Lateinamerikanischer und Jüdischer Geschichte. Gegenwärtig bereitet er am Lehrstuhl für Historische Diktaturforschung der Humboldt-Universität zu Berlin ein Forschungsprojekt zur historischen Semantik des Begriffs ,Globaler Süden‘ vor. 2023 hat er seine Promotion am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow mit einer Arbeit über die religiösen Tiefenschichten der lateinamerikanischen Guerilla abgeschlossen. Sie erscheint im Sommer 2026 unter dem Titel „Ein Paradies auf Erden. Politische Theologie und die lateinamerikanische Guerilla der 1960er Jahre“ bei Vandenhoeck & Ruprecht.
Lukas Böckmann, Karibisches Provisorium. Die deutschsprachige jüdische Diaspora auf Kuba, in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, 24.03.2026. <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-56> [26.03.2026].