Geboren am 27. Mai 1884 in Prag, Österreich-Ungarn (heute Tschechien)
Gestorben am 20. Dezember 1968 in Tel Aviv, Israel
Beruf: Schriftsteller, Kritiker, Komponist
Migration: Mandatsgebiet Palästina (später Israel), 1939
„Es kam mir manchmal vor, […] als lebten letzte Ausstrahlungen des literarischen Prag in Tel Aviv auf. Die Sonne Prags geht im mittelländischen Meer unter.“ Max Brod, Der Prager Kreis, Frankfurt a. M. 1979, S. 224. Dieser Satz aus Max Brods einschlägigem Werk über den Prager Kreis (1966) kann auch als (melancholischer) Rückblick auf sein eigenes Leben gedeutet werden, das verschiedene Eckpunkte europäisch-jüdischer Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert markiert: Neben seinen Beiträgen zu Literatur und Musik – in diesen Bereichen betätigte er sich überaus erfolgreich als Autor, Kritiker und Mentor – trat er als Komponist, Politiker (Zionist) und Dramaturg in Erscheinung. Als Angehöriger der deutschsprachigen Minderheit in Prag agierte Brod sowohl als Repräsentant und Gestalter der reichen deutschsprachig-jüdischen Literatur- und Kulturgeschichte des beginnenden 20. Jahrhunderts als auch als Mitinitiator eines spezifisch jüdisch-zionistischen Kulturbegriffs.
Nachdem er 1939 aus Prag nach Tel Aviv hatte fliehen müssen, war Brod einerseits daran interessiert, sich auf seine neue Umgebung einzulassen und sich aktiv an der Schaffung einer (israelisch-hebräischen) Nationalkultur zu beteiligen; andererseits blieb er der sprichwörtlichen „Welt von gestern” (Stefan Zweig) verbunden, der er zahlreiche Romane widmete; auch seine Beiträge zu Franz Kafka fallen in diese Kategorie. Damit bezog er sich auf das ‚goldene Zeitalter‘ des literarischen ,Habsburg‘ mit seinem reichen deutschsprachigen jüdischen Erbe. Entsprechend spiegeln sich in Brods umfangreicher Korrespondenz die (oft schmerzhaften) Aushandlungsprozesse um Verortung und Zugehörigkeit(en) wider.
Abb. 1: Porträt von Max Brod am Schreibtisch in seiner Wohnung in Tel Aviv, 1964. Aufgenommen von Hans H. Pinn (1916–1978), einem in Berlin geborenen israelischen Fotografen; Max-Brod-Archiv, ARC. 4* 2000 08 076, National Library of Israel.
Max Brod war das älteste von drei Kindern von Adolf (1854–1933) und Fanny/Franziska Brod geborene Rosenfeld (1859–1931). Die Familie war nicht besonders religiös, aber die Zugehörigkeit zum Judentum wurde auch nicht in Frage gestellt. Adolf Brod engagierte sich im 1885 gegründeten Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten, der sich sowohl der Bekämpfung des Antisemitismus als auch der sozialen, ökonomischen und kulturellen Förderung des Judentums in Böhmen verschrieben hatte. Max Brod besuchte zunächst eine katholische Grundschule (Piaristenschule), wobei der jüdische Religionsunterricht von einem Rabbiner erteilt wurde, und später ein Gymnasium; 1902 legte er die Matura ab. Während seines Jurastudiums an der Karlsuniversität lernte Brod den um ein Jahr älteren Kommilitonen Franz Kafka (1883–1924) kennen, der sein engster Freund wurde. Zusammen mit dem Bibliothekar und Philosophen Felix Weltsch (1884–1964) und dem Musiker Oskar Baum (1883–1941) bildeten sie den Kern dessen, was Brod rückblickend als ,Prager Kreis‘ bezeichnete.
1913 heiratete Brod die ebenfalls aus einer jüdischen Familie in Prag stammende Übersetzerin Elsa Taussig (1883–1942); das Paar blieb kinderlos. Elsa Brod nahm regelmäßig an den Treffen des sogenannten Prager Kreises teil und unterstützte ihren Mann nach dem Tod Kafkas bei der Aufarbeitung von dessen Nachlass; die von ihr erstellte Liste der „Zeitschriften Nachlass Franz Kafka“ ist für die heutige Forschung von zentraler Bedeutung. Außerdem trug sie Texte und Gedichte (von ihrem Mann und Kafka) öffentlich vor und übersetzte literarische Werke aus dem Russischen, Tschechischen, Französischen und Italienischen.
Obwohl Max Brod sich für die Aktivitäten des Vereins jüdischer Hochschüler Bar Kochba interessierte, stand das Judentum in den ersten zweieinhalb Jahrzehnten seines Lebens nicht im Zentrum seiner Aufmerksamkeit, stattdessen setzte er sich intensiv mit Arthur Schopenhauers (1788–1860) philosophischem Werk auseinander. Vor diesem Hintergrund verfasste er 1907 seinen ersten Roman, Schloss Nornepygge, dessen Protagonist die Indifferenz dieser Generation par excellence verkörpert. In seiner Autobiografie, die über 50 Jahre nach diesem literarischen Debüt erschien, beschrieb Brod diesen – von den Kritikern gefeierten – Roman und die ihm zugrunde liegende Philosophie als „Irrlehre” und „Irrweg” Max Brod, Streitbares Leben. Autobiographie, München 1969, S. 160., die er durchleben, erdulden und überwinden musste. Während die Indifferenz die Möglichkeit geboten habe, die großen Fragen nach Zugehörigkeit und Sinn zu analysieren, aber nicht zu lösen – der Protagonist des Romans wählt letztlich den Selbstmord –, wollte Brod nun seine Begegnung mit dem Zionismus als richtungsweisendes Momentum verstanden wissen und sein Leben und Werk in diesen Zusammenhang stellen. Diese Selbstpositionierung schuf jedoch neue Probleme: In seinem 1913 veröffentlichten Essay Der jüdische Dichter deutscher Zunge positionierte sich Brod als deutschsprachiger zionistisch-jüdischer Autor. Dies war auch eine Reaktion auf den Philosophen Martin Buber (1878–1965), der mit seinen Drei Reden über das Judentum (1909/10, Buchausgabe 1911) die (zionistisch-)jüdische Gemeinschaft in Prag stark beeinflusst hatte – und für den die hebräische Sprache wesentliches Merkmal einer jüdischen Literatur war. Dennoch sah sich Brod, der in den folgenden Jahren zahlreiche Romane und unzählige Artikel und Essays veröffentlichte, als jüdischer Schriftsteller und wurde auch als solcher anerkannt – zumindest im deutschsprachigen Raum.
Abb. 2: Max Brod mit seinem Roman Reubeni, Fürst der Juden von 1925. Karikatur des tschechoslowakischen Künstlers und Schriftstellers Adolf Hoffmeister (1902–1973), 1933; © Martin und Adam Hoffmeister, Prag.
Max Brod war in besonderer Weise mit Prag verbunden: Als Netzwerker, Kritiker und Herausgeber hatte er großen Einfluss auf das kulturelle und intellektuelle Leben der Stadt. Obwohl er sich geistig mit dem Habsburger Vielvölkerstaat identifizierte, begrüßte er die Gründung der Tschechoslowakei im Jahr 1918 und konnte seine zentrale Position in dem jungen demokratischen Staat dank seiner Verbindungen und tschechischen Sprachkenntnisse behaupten. Prag zu verlassen und als bekennender Zionist ein neues Leben in Eretz Israel zu beginnen, kam für ihn nicht in Frage. Denn obwohl Brod 1928 das Mandatsgebiet besuchte und von der Idee eines jüdischen Staates fasziniert war, schien ihn eine Alija wohl nur in der Theorie zu interessieren – zu groß war wahrscheinlich der Kontrast zu seinem etablierten bürgerlichen Dasein in Mitteleuropa.
Als sich die Bedrohungslage Ende der 1930er Jahre zuspitzte, entschied sich Brod dementsprechend auch nicht für Palästina, sondern bemühte sich um ein Visum für die USA. Dadurch zögerte er seine Ausreise (zu) lange hinaus; die Gefahr des Nationalsozialismus hatte er möglicherweise unterschätzt und – wie viele andere – auf das Münchner Abkommen vertraut. In buchstäblich letzter Minute gelang Brod die Flucht: Am frühen Morgen des 15. März 1939, kurz bevor die Nationalsozialisten Prag besetzten, verließ er seine Heimatstadt mit dem Zug. Zusammen mit Felix Weltsch und seiner Familie gelangten Max und Elsa Brod über den Schwarzmeerhafen Constanța nach Athen und konnten sich dann nach Haifa einschiffen. Mit knapp 55 Jahren begann für ihn damit ein neuer Lebensabschnitt in Tel Aviv.
Abb. 3: Max und Elsa Brod bei ihrer Ankunft im Mandatsgebiet Palästina, 1939; ARC. 4* 2000 08 023 Max-Brod-Archiv, National Library of Israel.
Max Brod lebte sich vergleichsweise schnell ein, auch wenn seine Briefe und Tagebücher von den Schwierigkeiten des Neuanfangs und einer persönlichen Tragödie zeugen: Seine bereits durch frühere Erkrankungen geschwächte Frau Elsa starb im August 1942. Dennoch wollte Brod den erzwungenen Ortswechsel rückblickend weniger als Flucht denn als Umsetzung eines zionistischen „Lebensprogramms” Brod, Streitbares Leben, S. 281., eben als Alija verstanden wissen.
Als Autor und Kritiker war er auch im Jischuw recht bekannt: Seine Romane waren beliebt bei den zahlreichen deutschsprachigen Leserinnen und Lesern im Land, und einige seiner Bücher wurden auch ins Hebräische übersetzt. Unmittelbar nach seiner Ankunft im Frühjahr 1939 wurde Brod zudem eine Stelle am hebräischsprachigen Habimah-Theater (ab 1958 Israelisches Nationaltheater) angeboten; dort war er in erster Linie für das Repertoire und die Adaption der ausgewählten Stücke verantwortlich. Dazu gehörten auch seine eigenen dramatischen Werke, für die sich das Theater ein vertragliches Erstzugriffsrecht sicherte. Von dieser Position aus leistete Brod einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer israelischen Nationalkultur.
Brod gelang es, sein Prager Netzwerk in Palästina (teilweise) zu reaktivieren; dazu zählten auch sein Freund Hugo Bergmann (1883–1975), inzwischen Professor für Philosophie an der Hebräischen Universität, und Martin Buber. Gleichzeitig passte er sich den neuen Lebensbedingungen an und erweiterte seinen Kreis entsprechend. Obwohl Brod sprachliche Unterstützung benötigte, war er in der hebräischen Presse sichtbar, beispielsweise durch seine regelmäßige Kolumne in der gewerkschaftlichen Zeitung Davar. Zudem bildete sich eine fruchtbare Arbeitsgemeinschaft zwischen ihm und dem hebräischen Dichter Schin Schalom (1904–1990): Brod übersetzte einige von Schaloms Gedichten ins Deutsche, und gemeinsam verfassten sie mehrere literarische Werke in deutscher und hebräischer Sprache, darunter das Libretto für die erste hebräische Oper (Dan, der Wächter), die 1945 mit Musik des israelischen Komponisten Marc Lavry (1903–1967) uraufgeführt wurde.
Tatsächlich ist die Musik ein ebenso wichtiger wie unterschätzter Teil von Brods Werk: Er war ein talentierter Pianist und Komponist, der in Prag für seine Musikkritiken bekannt war. Infolgedessen interessierte er sich schnell für die Musik seiner neuen Umgebung und veröffentlichte 1951 die erste Musikgeschichte Israels.
Abb. 4: Max Brod und Felix Weltsch vor einem Café in Israel, um 1964. Das Foto wurde von Ilse Ester Hoffe (1906–2007), Brods Sekretärin und Lebensgefährtin, aufgenommen; Max-Brod-Archiv, ARC. 4* 2000 08 083, National Library of Israel.
Sich über die umstrittenen testamentarischen Verfügungen Kafkas hinwegsetzend, hatte sich Max Brod als Verwalter des literarischen Nachlasses bereits in Prag intensiv um das Andenken seines engen Freundes bemüht. Seine erste Kafka-Biografie erschien 1937; eine zweite Auflage folgte neun Jahre später im Schocken Publishing House Ltd. in New York, gegründet von dem aus Posen (Poznań) stammenden jüdischen Unternehmer Salman Schocken (1877–1959). Und ,Kafka‘ begleitete Brod auch auf seiner Flucht – während der gesamten Reise hatte Brod die ihm anvertrauten Manuskripte und Dokumente nicht aus den Augen gelassen und sie in einem Koffer sicher nach Eretz Israel gebracht. Von dort aus entwickelte er seine ebenso eigenwillige wie wirkmächtige Rezeptions- und Vermarktungsstrategie weiter: In Publikationen wie Franz Kafkas Glauben und Lehre (1948) oder Franz Kafka als wegweisende Gestalt (1951) wurde sein ,Kafka‘ (nach der Schoa) von einem jüdischen Schriftsteller zu einer prophetisch-messianischen Figur.
Brods Umgang mit Kafkas Werk ist bis heute umstritten. Wirtschaftliche Interessen spielten sicherlich eine Rolle, aber in erster Linie war es ein Kampf um Deutungshoheit und damit auch um eine spezifische Erinnerungskultur an die verlorene Welt der deutschsprachigen jüdischen Minderheit in Prag.
Trotz all seiner Bemühungen um die hebräische Sprache blieb Max Brod in erster Linie in der deutschsprachigen Kultur verwurzelt. Seine Auseinandersetzung mit dem Hebräischen thematisierte er immer wieder, insbesondere in seinen Briefen an seinen engen Freund Felix Weltsch in Jerusalem. Obwohl er Ivrit sprechen und lesen konnte, wurde aus Brod kein hebräischer Schriftsteller mehr, ein Anschluss an das ,neue Israel‘ gelang ihm nicht – sicher auch aus Altersgründen. Er blieb vom deutschsprachigen Lesepublikum abhängig und reiste bald nach dem Ende des Krieges jedes Jahr in die Schweiz, später auch in die Bundesrepublik Deutschland und nach Österreich, wo er ein intensives Programm mit Vorträgen, Interviews und Diskussionsveranstaltungen absolvierte. Brod war sicher bewusst, dass ein großer Teil seiner ehemaligen Leser:innen ermordet worden war, auch von denjenigen, die ihn seit den 1950er Jahren immer wieder nach Deutschland und Österreich einluden.
Unterdessen bestand sein Freundeskreis und sein Netzwerk in Israel zunehmend aus deutschsprachigen Einwander:innen, den sogenannten Jeckes. Damit blieb ihm auch eine Verbindungslinie zwischen Prag und Tel Aviv beziehungsweise ein Stück Prag in Israel erhalten.
Abb. 5: „Nach 25 Jahren wieder in Deutschland. Dr. Max Brod“, Titelbild der Jüdischen Illustrierten, Beilage zur Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland, 1954.
Mit dem sogenannten Prager Kreis und seinem gleichnamigen Buch (1966), das zwei Jahre nach dem Tod seines Freundes und Weggefährten Felix Weltsch erschien, hat Brod einen literarischen Erinnerungsort geschaffen, der bis heute Bestand hat. In einer melancholischen Passage beschreibt Brod darin die Treffen des „Taussig-Kreises“, der 1941 von seinem Schwager Ernst Taussig (1888–1949) und dessen Frau Nadja Taussig geborene Schnitkind (1905–1998) gegründet worden war. Das Ehepaar brachte überwiegend deutschsprachige, an Literatur und Musik interessierte Gäste zusammen; zu den regelmäßigen Teilnehmer:innen gehörten Rabbi Schalom Ben-Chorin (1913–1999) und der Schriftsteller Sammy Gronemann (1875–1952). Für Brod verbanden diese Zusammenkünfte deutschsprachiger Jüdinnen und Juden die Vergangenheit mit der Gegenwart, Prag mit Tel Aviv, ,Habsburg‘ mit Israel. Max Brod starb im Dezember 1968 im Alter von 84 Jahren in Tel Aviv.
Kafka (1): Max (ARD-Miniserie 2024): https://www.ardmediathek.de/video/kafka/max-s01-e01/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS80OTg3XzIwMjQtMDMtMjYtMjAtMTU (verfügbar bis 11.11.2026)
„Max Brod im Gespräch“, in: ARD Retro 1968, https://www.youtube.com/watch?v=HLLoWh45jOA
Digitale Ausgabe der Tagebücher von Max Brod (in Arbeit), Deutsches Literaturarchiv Marbach: https://www.dla-marbach.de/forschung/editionen-und-digital-humanities/digitale-edition-tagebuecher-max-brod/
Franz Kafkas testamentarische Verfügungen im Wortlaut: https://www.franzkafka.de/fundstuecke/kafkas-testamente
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PD Dr. Anna-Dorothea Ludewig (https://www.mmz-potsdam.de/team/anna-dorothea-ludewig) ist Literaturwissenschaftlerin am Moses Mendelssohn Zentrum für Europäisch-Jüdische Studien in Potsdam sowie Privatdozentin an der Universität Potsdam. Derzeit ist sie Co-Leiterin eines DFG-Projekts zum Jüdischen Filmerbe und arbeitet an einem biografischen Projekt über Max Brods Jahre in Palästina/Israel.
Anna-Dorothea Ludewig hat zuletzt eine Ausgabe der Korrespondenz zwischen Rainer Maria Rilke und Ilse Blumenthal-Weiss (zusammen mit Torsten Hoffmann, Wallstein, 2024) veröffentlicht und war Gastredakteurin des Jahrbuchs für europäisch-jüdische Literaturstudien 2025 (zusammen mit Ulrike Schneider).
Anna-Dorothea Ludewig, Max Brod (1884–1968), in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, 08.05.2025. <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-28> [15.02.2026].