Rede von Rabbi Joachim Prinz beim „March on Washington for Jobs and Freedom“, 28. August 1963, Washington, D.C.

Quellenbeschreibung

Am 28. August 1963 fand vor dem Lincoln Memorial der amerikanischen Hauptstadt der „March on Washington for Jobs and Freedom“ der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung statt, mit insgesamt rund 250.000 Teilnehmer:innen die bis dahin größte Demonstration in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Bekannt ist der March on Washington bis heute durch die ikonische Rede des amerikanischen Pastors und Bürgerrechtlers Martin Luther King (1929–1968), in der er über seinen Traum von einer gerechten Gesellschaft ohne rassistische Diskriminierung sprach. Die eindrucksvolle Versammlung mit ihren bewegenden Reden trug maßgeblich zur Abschaffung der sogenannten Rassentrennung durch den Civil Rights Act 1964 und den Voting Rights Act 1965 bei.

Unmittelbar vor King hatte sich an jenem 28. August 1963 der amerikanische Rabbiner Joachim Prinz (1902–1988) aus Newark, New Jersey, an die Menge gewandt, in der sich auch Zehntausende Jüdinnen und Juden befanden. In seiner mitreißenden Rede begründete er das Engagement der jüdischen Gemeinschaft für den Bürgerrechtskampf. Dieses beruhe darauf, sich gerade aufgrund der historischen Erfahrung jahrtausendealter jüdischer Geschichte mit dem Leiden und der Geschichte der afroamerikanischen Gemeinschaft vollständig – so Prinz – identifizieren zu können.

Aber auch ihn selbst verband mit dem Bürgerrechtskampf eine persönliche Erfahrung. Prinz war in den 1930er Jahren Rabbiner in Berlin gewesen, bevor ihn die Nationalsozialisten 1937 aus Deutschland vertrieben. Während dieser Jahre habe er gelernt, so Prinz weiter, dass nicht Hass und Unterdrückung der Wenigen das größte Problem seien, sondern das Schweigen der Vielen. Abschließend forderte er, das amerikanische Selbstverständnis, „ein Land der ‚Freiheit und Gerechtigkeit für alle‘“ zu sein, „in einem moralisch erneuerten und geeinten Amerika zu einer glorreichen, unerschütterlichen Realität“ zu machen. Mit seiner Rede beim March on Washington gelang es Prinz, die deutsch-jüdischen Erfahrungen mit antisemitischer Unterdrückung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten in den US-amerikanischen Kontext zu transformieren und im Sinne eines gemeinsamen Kampfs gegen Rassismus zu universalisieren.

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Deutsche Übersetzung

    Ich wünschte, ich könnte singen.

    Ich spreche zu Ihnen als amerikanischer Jude.

    Als Amerikaner teilen wir die tiefe Besorgnis von Millionen von Menschen über die Schande und Schmach der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die die große amerikanische Idee zum Gespött machen.

    Als Juden bringen wir zu der großen Demonstration, an denen Tausende von uns stolz teilnehmen, eine doppelte Erfahrung mit – eine spirituelle und eine historische.

    Im Spirituellen lehrten uns unsere Väter vor Tausenden von Jahren, dass Gott, als er den Menschen schuf, ihn als jedermanns Nachbarn schuf. Nachbar ist kein geografischer Begriff. Es ist ein moralisches Konzept. Es bedeutet unsere kollektive Verantwortung für die Wahrung der Würde und Integrität des Menschen.

    Aus unserer dreieinhalbtausendjährigen jüdischen Geschichte sagen wir:
    Unsere Urgeschichte begann mit der Sklaverei und der Sehnsucht nach Freiheit. Im Mittelalter lebte mein Volk tausend Jahre lang in den Ghettos Europas. Unsere moderne Geschichte beginnt mit der Verkündung der Emanzipation.

    Deshalb sind es nicht nur Sympathie und Mitgefühl für die schwarzen Menschen in Amerika, die uns motivieren . Es ist vor allem – und über all diese Sympathien und Emotionen hinaus – ein Gefühl der vollständigen Identifikation und Solidarität, das aus unserer eigenen schmerzhaften historischen Erfahrung erwachsen ist. 

    Als ich unter dem Hitler-Regime Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Berlin war, habe ich vieles gelernt. Das Wichtigste, das ich in meinem Leben und unter diesen tragischen Umständen gelernt habe, war, dass Intoleranz und Hass nicht das dringlichste Problem sind. Das dringlichste, das schändlichste, das beschämendste und das tragischste Problem ist das Schweigen. 

    Ein großes Volk, das eine großartige Zivilisation geschaffen hatte, war zu einer Nation stiller Zuschauer geworden. Sie schwiegen angesichts von Hass, angesichts von Brutalität und angesichts von Massenmord.

    Amerika darf keine Nation von Zuschauern werden. Amerika darf nicht schweigen. Nicht nur das schwarze Amerika, sondern ganz Amerika. Es muss seine Stimme erheben und handeln, vom Präsidenten bis zu den Geringsten unter uns, und zwar nicht um der Schwarzen willen, nicht um der schwarzen Gemeinschaft willen, sondern im Interesse des Ansehens, des Traums, der Idee und der Ziele von Amerika selbst. 

    Unsere Kinder, Ihre und meine, in jeder Schule im ganzen Land, schwören jeden Morgen Treue zur Flagge der Vereinigten Staaten und zur Republik, für die sie steht. Und dann sprechen sie, die Kinder, voller Inbrunst und Unschuld von diesem Land als Land der „Freiheit und Gerechtigkeit für alle“.

    Ich glaube, es ist an der Zeit, zusammenzuarbeiten – denn es reicht nicht aus, gemeinsam zu hoffen, und es reicht nicht aus, gemeinsam zu beten –, sondern gemeinsam dafür zu sorgen, dass dieser Eid der Kinder, der jeden Morgen von Maine bis Kalifornien, von Norden bis Süden gesprochen wird, zu einer glorreichen, unerschütterlichen Realität in einem moralisch erneuerten und vereinten Amerika wird.

    Vielen Dank.

    Empfohlene Zitation

    Rede von Rabbi Joachim Prinz beim „March on Washington for Jobs and Freedom“, 28. August 1963, Washington, D.C., veröffentlicht in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/quelle/gjd:source-15> [24.01.2026].