Geboren am 10. Mai 1902 in Bierdzan, Deutschland (heute Bierdzany, Polen)
Gestorben am 30. September 1988, in Livingston, New Jersey, USA
Tätigkeit: Rabbiner, Politiker, Historiker
Migration: USA,
1937
Am 28. August 1963 versammelten sich in der amerikanischen Hauptstadt 250.000 Menschen zum legendären March on Washington for Jobs and Freedom. Diese Demonstration leitete das Ende der sogenannten Rassentrennung ein Jahr später ein und machte den Pastor und Bürgerrechtler Martin Luther King (1929–1968) mit seinem Traum von einer gerechten Gesellschaft ohne rassistische Diskriminierung zu einer weltberühmten Symbolfigur des Antirassismus. Auch für die jüdische Gemeinschaft der USA wurde der Marsch zur Ikone, nicht nur, weil sich zehntausende Jüdinnen und Juden daran beteiligten, sondern auch, weil mit Rabbiner Joachim Prinz einer der bekanntesten Repräsentant:innen des amerikanischen Judentums unmittelbar vor King auftrat.
In seiner mitreißenden Rede sprach Prinz von einer „vollständigen Identifikation und Solidarität“ mit der afroamerikanischen Gemeinschaft, die aus der „schmerzhaften historischen Erfahrung“ jahrtausendealter jüdischer Geschichte erwachse. Mehr noch wisse er aber insbesondere aus seiner eigenen Erfahrung als „Rabbiner der jüdischen Gemeinschaft in Berlin während des Hitler-Regimes“, dass das größte Problem nicht Rassismus und Hass der Wenigen, sondern „das Schweigen“ der Mehrheit sei. Prinz’ Auftritt in Washington, D.C. war der Höhepunkt seines politischen Lebens und eröffnet gleichzeitig einen Zugang zum Verständnis dieser charismatischen und doch eigenwilligen Persönlichkeit deutsch-jüdischer Diasporageschichte. Die Erfahrungen mit der deutsch-jüdischen Geschichte und insbesondere mit dem Nationalsozialismus sollten Prinz’ politisches Denken und Handeln bis ans Ende seines Lebens prägen, wie nicht zuletzt jene Rede am 28. August 1963 eindrucksvoll belegt.
Abb. 1: Dr. Joachim Prinz, ca. 1970; American Jewish Congress / Wikimedia Commons.
Joachim Prinz wurde am 10. Mai 1902 als erstes von vier Kindern in eine recht typische deutsch-jüdische Familie im oberschlesischen Bierdzan (Bierdzany) hineingeboren, die dem Mittelstand angehörte, kleinbürgerlich, deutsch-national und säkular geprägt war. Wie viele andere seiner Generation rebellierte Prinz dagegen, indem er sich zunächst dem Sozialismus und vor allem dem Zionismus öffnete und 1921 sogar eine Rabbinerausbildung am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau (Wrocław) begann. Unmittelbar im Anschluss zog er nach Berlin, wo er ab Anfang 1927 an der Gemeinde Friedenstempel der jüngste Rabbiner der Stadt wurde.
Prinz eroberte Berlin im Sturm. Innerhalb kurzer Zeit wurde er zu einem der beliebtesten Rabbiner der Stadt, weil er ein Ohr für die Alltagssorgen der Jugend hatte und die Predigt in der Synagoge zu einer Aussprache über die Gegenwart und nicht nur über den heiligen Text machte. Auch die kulturelle und sexuelle Freizügigkeit der Stadt genossen Prinz und seine erste Frau Lucie Prinz geborene Horovitz (1902–1931), ebenso wie nach deren Tod seine zweite Frau Hilde Prinz geborene Goldschmidt (1913–1994). Prinz begeisterte aber nicht nur als lebensnaher Rabbiner, sondern auch als eloquenter Autor eines Kinderbuches über Helden und Abenteurer der Bibel (1930) und einer von der Kritik hochgelobten populärwissenschaftlichen Jüdischen Geschichte (1931). Vom ersten Tag seiner Amtszeit in Berlin an ging Prinz jedoch auch auf Konfrontationskurs mit dem liberalen Judentum, insbesondere mit der Berliner Gemeindeführung. Als zionistischer Rabbiner stritt er leidenschaftlich für eine sogenannte Jüdische Renaissance, also für die kulturelle, religiöse und nationale Wiederbelebung des Judentums in der Diaspora.
Nach dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Januar 1933 gelang es Prinz, zu einer der wichtigsten, gleichzeitig aber auch provokantesten Persönlichkeiten innerhalb der jüdischen Gemeinschaft aufzusteigen, dessen Popularität bald weit über Berlin und das Deutsche Reich hinaus ausstrahlen sollte. Sein Ende 1933 publiziertes Werk Wir Juden wurde zum wohl meistdiskutierten jüdischen Buch der NS-Zeit. Wortgewaltig stritt er darin – ebenso wie bei anderen Gelegenheiten – für den jüdischen Nationalismus, für den Aufbau Palästinas als ‚Lösung der Judenfrage‘ und gegen das liberale Judentum, dem er ideologisches und politisches Versagen angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung vorwarf. Mit diesem Programm wurde Prinz, zusammen mit dem Herausgeber der Jüdischen Rundschau Robert Weltsch (1891–1982), zu einer der wichtigsten Stützen einer zunehmend verunsicherten jüdischen Bevölkerung. Aber auch den Mitgliedern seiner Gemeinde gab Prinz Halt, und so wurden seine Predigten in der Synagoge Friedenstempel in Berlin-Halensee bald zu populären Großveranstaltungen.
Abb. 2: Herbert Sonnenfeld, Joachim Prinz (rechts) auf dem Sportplatz Grunewald beim Hakoah-Jubiläums-Sportfest, Berlin Juni 1934; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. FOT 88/500/334/050, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.
Seine Popularität forderte schließlich jedoch ihren Preis. Zunächst entließ ihn die Jüdische Gemeinde Berlin 1935 als Gemeinderabbiner – ein bemerkenswerter Vorgang inmitten der nationalsozialistischen Bedrohung. Nachdem er sich als Herausgeber des Israelitischen Familienblatts etabliert hatte, wurde der Druck durch die Nationalsozialisten schließlich so groß, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah, als Deutschland zu verlassen. Im Sommer 1937 emigrierten Joachim und Hilde Prinz sowie ihre Kinder Lucie (*1931; in den USA Lucy) und Michael (1933–1998) in die Vereinigten Staaten.
Der Rabbiner Stephen S. Wise (1874–1949), Präsident des American Jewish Congress (AJCongresss) und einer der wichtigsten Repräsentant:innen des amerikanischen Judentums der 1920er bis 1940er Jahre, hatte die Familie in die USA eingeladen. Wise hatte das Affidavit, eine damals zur Einreise in die Vereinigten Staaten benötigte Bürgschaftserklärung, unterzeichnet und sie von Beginn an unterstützt. Dennoch stellte die Anfangszeit für Prinz, wie für so viele andere Immigrant:innen auch, eine große Herausforderung dar. In Vorbereitung auf seine Auswanderung hatte er bereits in Deutschland intensiv Englisch gelernt, weswegen er weniger Probleme als andere hatte, deren Ankommen durch Sprachbarrieren zusätzlich erschwert wurde. Obwohl Prinz also mit den besten Voraussetzungen antrat, sollte es dennoch ganze zwei Jahre dauern, bis er endlich eine Anstellung als Rabbiner der Gemeinde B’nai Abraham in Newark, New Jersey, bekam. Ein Anfang war gemacht, auch wenn er den Rabbinerberuf eigentlich hinter sich lassen wollte.
Neben finanziellen Herausforderungen, die ihm zusetzten, gestaltete sich die kulturelle und politische Eingliederung schwierig. Prinz wollte sich so schnell wie möglich integrieren – nicht nur aufgrund sozialer und materieller Notwendigkeiten, sondern auch weil er Amerika als Idee verehrte. Insbesondere begeisterte ihn dabei die nationale und kulturelle Vielfalt der amerikanischen Gesellschaft, die sich – so glaubte er – grundständig vom völkischen Homogenitätsanspruch der Deutschen unterschied. Und doch spürte Prinz bald starke Differenzen kultureller und politischer Art. Er stieß sich vor allem an der weit verbreiteten Auffassung, dass die Verhältnisse in den USA kategorisch anders seien als in Europa, weswegen eine ähnliche Entwicklung wie im nationalsozialistischen Deutschland nicht möglich sei. Besonders dem amerikanischen Zionismus, der seit den Tagen seiner Lichtgestalt Louis D. Brandeis die Verbindung von jüdischer Identität mit amerikanischen Idealen wie Demokratie und sozialer Gerechtigkeit betonte und die Unterstützung für einen jüdischen Nationalstaat zu einer politischen, aber nicht zwingend religiös motivierten Angelegenheit machte, warf Prinz vor, sich von den drängenden Fragen jüdischer Geschichte, Gegenwart und Zukunft zu isolieren.
Während ihm das jüdische Publikum in den USA aufgrund dieser Kritik anfangs eher skeptisch gegenüberstand, genoss Prinz in den deutsch-jüdischen Immigrant:innenkreisen, insbesondere des benachbarten New Yorks, weiterhin große Beliebtheit. Dort hatten sich viele niedergelassen, die Prinz aus Berlin kannten und ihn noch immer als großen deutschen Rabbiner verehrten. Sein Verhältnis zu ihnen gestaltete sich jedoch ambivalent. Einerseits warf er seine Reputation in dieser Gemeinschaft in die Waagschale, um als deren Repräsentant auf die amerikanische Gesellschaft und Politik einzuwirken, jüdische Geflüchtete zu unterstützen und den Faschismus in Europa und insbesondere den Nationalsozialismus zu bekämpfen. Andererseits äußerte sich Prinz intern abfällig über das deutsche Judentum sowohl im nationalsozialistischen Deutschland als auch im Exil. Der Mehrheit dieser Gemeinschaft warf er vor, sich nicht integrieren zu wollen und sich stattdessen an einer romantisch verklärten Vergangenheit festzuklammern.
Und so war Prinz hin- und hergerissen zwischen zwei Welten – der amerikanisch-jüdischen und der deutsch-jüdischen –, in denen er sich jeweils als Außenseiter fühlte, auch wenn er und seine Familie bereits 1938 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatten. Es waren diese Integrationsschwierigkeiten sowie die Bedingungen des Zweiten Weltkriegs, die dafür sorgten, dass Prinz erst Mitte der 1940er Jahre politisch aktiver wurde und begann, den Gang der amerikanisch-jüdischen Geschichte mitzugestalten.
Abb. 3: Joachim Prinz vor seiner zerstörten Synagoge „Friedenstempel“, 1949. Unbekannter Fotograf / American Jewish Archives.
Seine politische Heimat hatte Prinz frühzeitig im AJCongress gefunden. Diese im Dezember 1918 entstandene Organisation speiste ihren Zionismus aus einem osteuropäischen Verständnis jüdischer Nationalität und besaß eine dezidiert internationale Ausrichtung. Beides entsprach den Prinz’schen Vorstellungen jüdischer Politik. Allerdings hatten sich die amerikanisch-jüdischen Verhältnisse seit dem Ersten Weltkrieg stark gewandelt. Die Mehrheit der Jüdinnen und Juden war mittlerweile in den USA geboren, weshalb immer mehr innenpolitische Themen den Diskurs dominierten – insbesondere, da von den bedeutenden diasporischen Zentren der Vorkriegszeit nur noch die Vereinigten Staaten übriggeblieben waren.
Zu einem zentralen Thema der amerikanischen Politik und Gesellschaft der Nachkriegszeit entwickelte sich schließlich der afroamerikanische Bürgerrechtskampf. Jüdische Organisationen gehörten zu dessen leidenschaftlichsten Unterstützern, allen voran der AJCongress, in dem Prinz zunehmend eine Führungsrolle einnahm. Hatte er sich schon seit Jahren immer wieder gegen die rassistische Segregation in den USA ausgesprochen – sogar noch bevor er Deutschland 1937 verlassen hatte – irritierte ihn doch die Leidenschaft, mit der sich große Teile seiner eigenen Organisation nun auf dieses Thema stürzten. So wichtig dieser Kampf auch sei, so Prinz, so wenig durfte er vom entscheidenden Problem des amerikanischen Judentums ablenken: Das jüdische Überleben (Jewish Survival) nach Schoa und israelischer Staatsgründung zu sichern. Für Prinz schien dies die Hauptaufgabe zu sein, derer man sich als AJCongress verschreiben müsse.
Diese Auffassung geriet in scharfen Konflikt mit einer einflussreichen Fraktion innerhalb der Organisation, die den Bürgerrechtskampf als wichtigste jüdische Aufgabe der Zeit begriff, dem alles andere unterzuordnen war. Sie bestand hauptsächlich aus in den USA Geborenen wie den beiden Jurist:innen Shad Polier (1906–1976) und Justine Wise Polier (1903–1987), während sich um Prinz viele Immigrant:innen europäischer Herkunft wie beispielsweise der in Niederschlesien geborene Kulturphilosoph und Vordenker des Pluralismus Horace Kallen (1882–1974) sammelten. Sicherlich war der Erfahrungshintergrund nicht allein ausschlaggebend dafür, auf welcher Seite des Konflikts die jeweiligen Akteur:innen standen. Dennoch war der Bürgerrechtskampf ein sehr amerikanisches Thema, während globale jüdische Fragen bis zum Sechstagekrieg 1967 für die meisten Jüdinnen und Juden in den USA keine herausragende Rolle spielten. Prinz’ Erfahrung als deutscher Jude, der den Nationalsozialismus selbst erlebt hatte, prägte hingegen seine besondere Aufmerksamkeit für die Fragen des jüdischen Überlebens. Dieser Blickwinkel unterschied sich von dem vieler anderer in den USA geborener Aktivist:innen und verdeutlicht die unterschiedlichen Formen jüdischer Erinnerung und Zukunftsentwürfe.
Abb. 4: Joachim Prinz mit Martin Luther King Jr. und Shad Polier bei einer Fundraising-Veranstaltung des American Jewish Congress, 1963; unbekannter Fotograf / Wikimedia Commons.
In den Folgejahren spitzte sich der Konflikt immer weiter zu, bis Prinz ihn mit seiner Wahl zum Präsidenten des AJCongress im Jahr 1958 zunächst für sich entscheiden konnte. Trotz dieses internen Streits, der auch danach anhielt, engagierte sich Prinz als Präsident für die Bürgerrechtsbewegung und arbeitete dabei besonders eng mit Martin Luther King zusammen. Den Höhepunkt dieser Kooperation sollte schließlich der March on Washington vom 28. August 1963 bilden – ein Ereignis, das vermutlich auch den Höhepunkt im Leben von Prinz darstellte.
Seit Beginn seiner Karriere im AJCongress Anfang der 1940er Jahre stellte die globale jüdische Politik das Hauptbetätigungsfeld von Prinz dar. Er verfolgte dabei genau die Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland, kritisierte die seiner Auffassung nach mangelhafte Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen und warnte eindrücklich vor dem Erstarken des Nazismus und Antisemitismus. Immer wieder reiste Prinz selbst nach Westdeutschland – wie 1946 anlässlich der Nürnberger Prozesse – oder später, um gegen neonazistische und antisemitische Ereignisse und Entwicklungen zu protestieren. Zugleich nutzte er diese Reisen, um wichtige Vertreter:innen der deutschen Politik persönlich zu treffen, darunter die Bundespräsidenten Theodor Heuss (1884–1963) und Heinrich Lübke (1894–1972) sowie die Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876-1967), Ludwig Erhard (1897–1977) und Willy Brandt (1913–1992). Im Zentrum seiner politischen Aktivitäten in der Bundesrepublik standen dabei unter anderem die antisemitische Welle der Jahre 1959/1960, die Verjährungsdebatte sowie die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien Mitte der 1960er und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel 1965. Prinz’ Wahrnehmung der politischen Situation in der Bundesrepublik und der möglichen Rückkehr des Nationalsozialismus schwankte, aber erst mit Beginn der Kanzlerschaft Willy Brandts 1969 sah er die Gefahr eines deutschen ,Rückfalls in die Barbarei‘ endgültig gebannt. Trotz einer weitgehend pragmatischen Politik gegenüber der Bundesrepublik verabscheute Prinz innerlich fast alles, was mit Deutschland zu tun hatte: seine politische Kultur, seine Bevölkerung und sogar seine jüdische Gemeinschaft. Nur Berlin hielt er, wie viele andere Bewohner:innen, in Ehren und blickte bis an sein Lebensende mit einer gewissen Nostalgie auf den einstigen Glanz dieser Stadt zurück.
Abb. 5: Joachim Prinz am Rednerpult bei einer Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde Berlin, Berlin ca. 1964; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2003/121/65, Schenkung von Hannelore Mintscheff.
Und so konnte Prinz von Deutschland nicht lassen, obwohl sein Hauptinteresse längst einem anderen Thema galt: dem Überleben des Judentums im globalen Maßstab. Hierfür entscheidend sei nach der Schoa nicht mehr die Achse Osteuropa-Westeuropa-USA gewesen, sondern der Dualismus zwischen der amerikanisch-jüdischen Diaspora und dem jüdischen Staat Israel. Jüdisches Überleben sei nur möglich, so verkündete er seit Anfang 1948 immer wieder, wenn es eine starke amerikanische Diaspora und ein starkes Israel gebe – zwei Pole, die sich gegenseitig respektierten und sich zusammen als Einheit begriffen. Und so kritisierte Prinz die seiner Meinung nach gleichgültige Haltung des amerikanischen Judentums gegenüber Israel, ebenso wie die israelischen Vereinnahmungsversuche der jüdischen Diaspora in den USA, insbesondere durch Ministerpräsident David Ben-Gurion (1886–1973) in den 1950er Jahren. Stattdessen förderte er den regelmäßigen Austausch und organisierte den seit 1962 jährlich stattfindenden American-Israel Dialogue zur Stärkung der Verbindung zwischen Israel und der jüdischen Diaspora.
Auch wenn Prinz Israel als zentrales Element jüdischen Überlebens begriff, blieb er dennoch ein scharfer Kritiker des jüdischen Staats. Die Macht der Orthodoxie, die Abwertung der jüdischen Diaspora, aber vor allem der Umgang mit der arabischen/palästinensischen Bevölkerung verstörten ihn. Die solidarische Kritik der Anfangsjahre wurde spätestens mit dem Sechstagekrieg 1967 zu einer dauerhaften Position des Widerspruchs, die Prinz insbesondere mit dem Zionisten Nahum Goldmann (1895–1982), einem der bedeutendsten jüdischen Diasporapolitiker des 20. Jahrhunderts, teilte. Zunächst Führungsmitglied des World Jewish Congress (WJC) von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre, trat er 1973 auch der jüdisch-amerikanischen israelkritischen Organisation Breira bei, die er aber 1976 nach deren Annäherung an die Palestine Liberation Organization (PLO) wieder verließ.
Prinz war aber nicht nur politisch aktiv, sondern auch Autor mehrerer Bücher wie The Dilemma of the Modern Jew (1962), Popes from the Ghetto (1966) und The Secret Jews (1973). Vor allem aber war er ein erfolgreicher Rabbiner, der während seiner Amtszeit (1939–1977) die Gemeinde B’nai Abraham vor dem Bankrott bewahrte und zu einer der angesehensten des Landes machte.
Obwohl Prinz ein überzeugter Anhänger des städtischen Lebens war, konnte auch er nicht verhindern, dass B’nai Abraham dem Suburbanisierungstrend des amerikanischen Judentums der Nachkriegszeit folgte. Im Jahr 1973 zog die Gemeinde vom Zentrum Newarks in die Vorstadt Livingston, New Jersey. Prinz galt seiner Gemeinde als leidenschaftlicher Rabbiner, der aber nicht immer ganz nahbar war, weil er sich mehr als allem anderen der globalen jüdischen Politik widmete. 1977 emeritierte Prinz, zog sich ab Anfang der 1980er Jahre aus dem öffentlichen Leben zurück und verstarb 1988 in Livingston an einem Herzinfarkt.
Offizielle Website: www.joachimprinz.com. Die Website bietet Dokumente, Fotos und Videos zu Leben und Wirken von Joachim Prinz und wurde von seinem Sohn Jonathan Prinz gestaltet.
Rede von Joachim Prinz beim „March on Washington“, Washington D.C., 28. August 1963: www.youtube.com/watch?v=pIJ0Pr7JBY8
Rachel E. Fisher/Rachel Pasternak: Joachim Prinz: I Shall Not Be Silent [Dokumentarfilm], Santa Monica, Calif.: Menemsha Films, 2014. www.prinzdocumentary.org/#prinz-story
Allan Nadler: The Plot for America, in: Tablet. A New Read on Jewish Life (Online), www.tabletmag.com/sections/news/articles/the-plot-for-america
Rachel Nierenberg Pasternak/Rachel Eskin Fisher/Clement Price: Rabbi Joachim Prinz: The Jewish Leader Who Bridged Two Journeys, From Slavery to Freedom, in: Moment Magazine, 6. November 2014. https://momentmag.com/rabbi-joachim-prinz-jewish-leader-bridged-two-journeys-slavery-freedom/
Dieses Werk unterliegt den Bedingungen der Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz. Unter Namensnennung gemäß der Zitationsempfehlung darf es in unveränderter Form für nicht-kommerzielle Zwecke nachgenutzt werden.
David Jünger ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Er wurde 2013 an der Universität Leipzig promoviert und hat danach unter anderem an der Freien Universität Berlin, der University of Sussex und der Universität Rostock gearbeitet. Seine Habilitationsschrift über den deutsch-amerikanischen Rabbiner Joachim Prinz (1902–1988) wurde Ende 2025 abgeschlossen und wird 2026 publiziert. Zu seinen Publikationen zählen Jahre der Ungewissheit. Emigrationspläne deutscher Juden 1933–1938, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2016; Kulturen des Verdrängens und Erinnerns. Perspektiven auf die rassistische Gewalt in Rostock-Lichtenhagen 1992 (hrsg. zus. mit Gudrun Heinrich, Oliver Plessow und Cornelia Sylla), Berlin: Neofelis, 2024 und „Historische Erfahrung und politisches Handeln. Rabbiner Joachim Prinz, der Nationalsozialismus und die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Jg. 70, H. 1 (Januar 2022), 1–30.
David Jünger, Joachim Prinz (1902–1988), in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, 27.02.2026. <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-50> [28.02.2026].