Im heiligen Land des Buddhismus. Deutsch-jüdische Migrant:innen auf Sri Lanka

Sebastian Musch

Sri Lanka liegt an der südlichen Spitze des Indischen Subkontinents und befindet sich somit geografisch fernab der großen Migrationsbewegungen, die das deutsche Judentum im 20. Jahrhundert prägten. Die Gesamtzahl deutschsprachiger Juden und Jüdinnen, die Zuflucht auf der Insel fanden, lässt sich nicht genau beziffern. Für die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung nennt eine Quelle aus dem Jahr 1941 „eine kleine Anzahl von Juden“ „Fünftes Merkblatt über die Lage der Deutschen in Britisch-Indien und auf Ceylon“; Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, München, ED 353-2-27, fol. deutscher Herkunft. Insgesamt kann man von wenigen Dutzend Personen ausgehen, die länger dort verweilten.

Dennoch ist die Präsenz dieser Gruppe auf Sri Lanka, wo heute rund 22 Millionen Menschen leben, aufgrund von zwei Aspekten einen genaueren Blick wert: erstens wegen der Beweggründe, die sie auf die Insel brachten. Diese waren vielfach in der Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Begeisterung für den Buddhismus im deutschsprachigen Raum begründet, womit sie zweifellos einen Sonderfall in der deutsch-jüdischen Diaspora darstellten. Zweitens gingen aus ihren Reihen trotz der insgesamt geringen Zahl mehrere bedeutende Persönlichkeiten hervor, die über die eigene Gruppe hinaus vor allem im asiatischen Raum wirkten und Sri Lanka bis heute prägen.

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Abb. 1: Historische Ansichtspostkarte von Sri Lanka: Die Eisenbahn nach Colombo an der Küste, um 1910. Foto Jens Ziehe; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr.:2006/111/6.

Faszination Buddhismus


Ab den 1920er Jahren lassen sich zum ersten Mal deutsche Juden und Jüdinnen auf Sri Lanka nachweisen, das bis zu seiner Unabhängigkeit 1948 unter dem kolonialen Namen British Ceylon unter dem Einfluss Großbritanniens stand. Die Insel war seit dem 16. Jahrhundert erst durch Portugal und später die Niederlande kolonial besetzt worden, bevor sie ab Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Unabhängigkeit 1948 dem britischen Weltreich angehörte.

Im deutschsprachigen Raum erlangte Sri Lanka ab den 1890er Jahren im Zuge einer in Europa wachsenden Begeisterung für den Buddhismus einige Prominenz. Besonders in bürgerlichen Kreisen intensivierte sich das Interesse am Buddhismus, angeregt durch die seit der Romantik verankerte Indienfaszination und die starke Position der deutschsprachigen Indologie. So kam es unter anderem zur Gründung buddhistischer Vereine und verschiedener Zeitschriften, woran auch Juden und Jüdinnen beteiligt waren.

Im Kontext des Ersten Weltkriegs gewannen pazifistische Interpretationen des Buddhismus und die Wahrnehmung Sri Lankas als heiliges Land des Theravada-Buddhismus – eine der beiden Hauptströmungen des Buddhismus – an Bedeutung. Orientalistische und exotistische Ideen spielten hier eine große Rolle. Infolgedessen kam es in dieser Zeit zu ersten Migrationsbewegungen aus dem deutschsprachigen Raum.

Bereits 1911 hatte der in Wiesbaden geborene Anton Gueth (1878–1957) in einer kleinen Lagune an der Südküste Sri Lankas das sogenannte Island Hermitage gegründet, das als buddhistisches Kloster in den nächsten Jahrzehnten einen Anziehungspunkt für Buddhist:innen und Buddhismusinspirierte unter anderem aus dem deutschsprachigen Raum bildete. Als Teil des Britischen Kolonialreiches musste auf Sri Lanka das bis heute existierende Kloster während des Ersten Weltkriegs geschlossen werden, da Nyanatiloka – wie Gueth nach seiner Ordination als buddhistischer Mönch hieß – als ,feindlicher Ausländer‘ (enemy alien) nach Deutschland zwangsrepatriiert worden war.

Abb. 2: Das buddhistische Kloster Island Hermitage auf der Dodanduwa-Insel, 2012. Foto Jan Benda; Wikimedia Commons.

Trotz der zeitweiligen Schließung kamen in den späten 1920er Jahren vermehrt deutschsprachige Auswander:innen nach Sri Lanka. Nach 1933 waren darunter auch mehrere Juden und Jüdinnen, die ihre Heimat aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung verließen. Einige dieser wenigen deutsch-jüdischen Schicksale sind bekannt. So gelangten 1936 der Berliner Buchhändler Siegmund Feniger (1901–1994) und die Brüder Peter (1907–1984) und Malte Schönfeldt (?–?) nach Sri Lanka, wo sie dem Island Hermitage beitraten. Alle drei waren jüdischer Herkunft und wurden 1937 als buddhistische Mönche ordiniert. Feniger stieg zu einem der einflussreichsten Denker des Theravada-Buddhismus auf, während sich Peter Schönfeldt bald dem auf der Insel ebenfalls stark vertretenen Hinduismus zuwandte und zeitlebens im Norden Sri Lankas wohnte. Dort war er als ,German Swami‘, also deutscher Meister, bekannt und erlangte mit seinem ausschweifenden Lebensstil – einschließlich einer Vorliebe für Alkohol und Glücksspiel – lokale Berühmtheit. Sein Bruder Malte Schönfeldt legte die buddhistische Mönchsrobe ebenfalls ab, blieb aber auf der Insel und verdiente seinen Lebensunterhalt als Dokumentarfilmemacher.

Internierung und Deportation


Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 verweigerten die britischen Behörden Auswander:innen und Geflüchteten aus Deutschland die Einreise und stuften diese fortan als ,feindliche Ausländer‘ ein – unabhängig davon, ob sie als Juden und Jüdinnen unter der nationalsozialistischen Verfolgung gelitten hatten. Zudem wurden alle Deutschen auf der Insel im Lager Diyatalava interniert, das im von dichten Wäldern und Bergen geprägten Landesinneren lag – darunter auch jüdische Geflüchtete. Im Frühjahr 1940 machten die britischen Behörden diese Entscheidung rückgängig und entließen alle deutschen Juden und Jüdinnen, nur um drei Wochen später den Kurs wieder zu ändern und sie erneut zu internieren.

Nach dem Sieg der japanischen Streitkräfte über die Alliierten in der Schlacht um Singapur im Februar 1942 war Sri Lanka die nun bedeutendste britische Stellung im Indischen Ozean und wurde im März 1942 von den alliierten Streitkräften zum ,Militärgebiet‘ erklärt. Eine der Folgen dieser Entscheidung war die Deportation der rund 100 enemy aliens aus dem Diyatalava-Lager in das Kriegsgefangenenlager Dehra Dun im nördlichen Teil Indiens, das bis 1947 ebenfalls zum Britischen Kolonialreich gehörte. Es befand sich am Fuße des Himalayas, wo die Betroffenen bis Kriegsende interniert blieben. Nur wenige kehrten nach 1945 auf die Insel zurück.

Colombo als Zwischenstopp


Ende der 1930er Jahre wurde Sri Lanka ein häufiger Zwischenstopp für Schiffe der zwei jüdischen Hilfsorganisationen HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society) und des JDC (American Jewish Joint Distribution Committee) auf ihrem Weg zu den Zielhäfen in Ost- und Südasien sowie Australien. Nachdem das Leben von Juden und Jüdinnen zunehmend in Gefahr geraten war in Deutschland und Österreich, wo sich 1938 die sogenannten Novemberpogrome gewaltsam ereignet hatten, berichtete das Intergovernmental Committee on Refugees (ICR) im Februar 1939, dass eine große Anzahl jüdischer Geflüchteter auf italienischen und deutschen Schiffen durch Colombo fuhr. Die meisten von ihnen passierten die Hauptstadt Sri Lankas an der Westküste der Insel auf dem Weg nach Shanghai, wo zwischen 1938 und 1941 rund 18.000 deutschsprachige Juden und Jüdinnen Zuflucht finden sollten.

Schätzungen des ICR zufolge, das 1938 auf Initiative der USA als zwischenstaatliche Organisation zur Koordinierung der Ausreise jüdischer Geflüchteter aus Deutschland und Österreich ins Leben gerufen worden war, gingen von rund 200 Personen aus. Fast die Hälfte von ihnen hätte „das [amerikanische] Konsulat in einem vergeblichen und tragischen Versuch aufgesucht“ „[To the Director, Intergovernmental Committee on Political Refugees, February 8, 1939], Other Countries. n.d. MS Intergovernmental Committee on Refugees: Records of the Intergovernmental Committee on Refugees, 1938–1947”; National Archives (United States) [Übersetzung durch den Autor]., um Visa für die Philippinen, die seit 1935 unter US-amerikanischer Verwaltung standen, zu erhalten.

Abb. 3: Arthur und Valerie Lederer mit ihrem Sohn Walter am Strand in Colombo, Sri Lanka. Die Familie Lederer stammte aus Wien und floh 1938/39 über Prag, London und Colombo nach Australien; Australian National Maritime Museum; Wikimedia Commons.

Die geografische Lage der Insel im Indischen Ozean führte dazu, dass mehrere Schiffe mit jüdischen Geflüchteten in Colombo Halt machten, um von dort nach Shanghai, Australien, Neuseeland oder den Philippinen zu gelangen. Auf Sri Lanka, damals British Ceylon, befürchteten die britischen Behörden, die Insel könne zu einem Zielort jüdischer Geflüchteter werden. Bereits vor Ankunft der ersten Flüchtlingsschiffe wurde daher 1938 ein Gesetz verabschiedet, das Ausländer:innen den Zugang zu medizinischen Berufen verbot, was vermutlich auf einen „befürchteten Zustrom deutscher und österreichischer Ärzte und Zahnärzte“ Ebd. abzielte. Auch wenn sich keine genauen Zahlen ermitteln lassen, fand eine ,Masseneinwanderung‘ nie statt. Dennoch trafen mehrere Schiffe auf Sri Lanka ein, wie zum Beispiel im September 1939, als 141 Geflüchtete an Bord des dänischen Dampfers Christiaan Huygens in Colombo ankamen. Da der Schiffsverkehr bei Kriegsbeginn zunächst eingestellt worden war, konnten sie nicht zu ihrem ursprünglichen Ziel – Australien – weiterreisen.

Das JDC charterte daraufhin einen Dampfer, auf dem die Geflüchteten an Bord gehen und ihre Reise nach Australien fortsetzen konnten. Sri Lanka blieb damit nur ein Transitort, den die meisten deutschsprachigen Juden und Jüdinnen nach kurzem Aufenthalt wieder per Schiff verließen. Zu ihnen gehörte der Schriftsteller Karl Wolfskehl (1869–1948), den eine sechswöchige Überfahrt von Marseille nach Auckland 1938 über Colombo führte. Oftmals wurde den Schutzsuchenden aufgrund ihrer Herkunft aus Ländern, mit denen sich Großbritannien im Krieg befand, der Zutritt an Land verweigert. Es konnten – soweit bekannt – keine jüdischen Geflüchteten auf der Insel bleiben.

Prägende Persönlichkeiten


Die deutsch-jüdische Diaspora blieb auf Sri Lanka zwar zahlenmäßig klein, brachte aber einige herausragende Persönlichkeiten hervor. Zu ihnen zählte zweifelsohne der schon erwähnte Siegmund Feniger, der seit 1936 auf der Insel lebte. Feniger war – in seinen eigenen Worten – „ein buddhistischer Mönch jüdischer Herkunft.“  Asaf Federman, „His Excellency and the Monk: A Correspondence Between Nyanaponika Thera and David Ben-Gurion”, in: Contemporary Buddhism 10 (2009), S. 197-219, hier S. 201.

Seine Eltern stammten aus Galizien, das bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehört hatte, und ließen sich später in Deutschland nieder. Feniger wurde 1901 in Hanau bei Frankfurt am Main geboren und zog im Alter von sechs Jahren in die oberschlesische Stadt Königshütte (Chorzów), wo sein Vater ein Schuhgeschäft betrieb. Er wurde im Judentum erzogen, erhielt Hebräischunterricht und studierte religiöse Texte unter der Anleitung eines Rabbiners. Im Alter von 16 Jahren begann Feniger eine Ausbildung im Buchhandel und entdeckte durch die Lektüre von Büchern und Übersetzungen buddhistischer Texte den Buddhismus. Später zog er nach Berlin, um im Jüdischen Verlag zu arbeiten, einem der führenden jüdischen Verlage jener Zeit, der 1902 von einer Gruppe deutschsprachiger Zionisten gegründet worden war. Feniger war Mitglied von HaPoel HaZair (Der junge Arbeiter), der sozialistisch-zionistischen Partei, doch er empfand zunehmend, dass er „sich einer der großen Sachen ungeteilt widmen sollte: Zionismus oder Buddhismus.“  Ebd., S. 202.

Unter dem Druck antisemitischer Verfolgung verließ Feniger Deutschland und emigrierte nach Sri Lanka. 1938 folgte ihm seine Mutter dorthin. Sie wurde buddhistische Nonne und lebte in Colombo, wo sie 1956 im Alter von 89 Jahren starb. Feniger, der sich nach seiner Ordination als buddhistischer Mönch Nyanaponika nannte, stieg in den folgenden Jahrzehnten zu einem der führenden Denker des Theravada-Buddhismus auf. Er verfasste mehrere Standardwerke, vor allem zu Meditationspraktiken. 1958 gehörte er zu den Mitbegründern der Buddhist Publication Society (BPS) – bis heute einer der wichtigsten englischsprachigen Verlage des Theravada-Buddhismus. In gewisser Weise war dies eine Fortsetzung seiner Arbeit im Buchhandel während der Weimarer Republik. Der stetige Strom von Publikationen der BPS, viele davon von Feniger (Nyanaponika) selbst verfasst, prägt das Bild des Theravada-Buddhismus im Westen und in Sri Lanka bis heute.

Abb. 4: Nyanaponika Maha Thera, Island Hermitage in Kandy, Sri Lanka, 1991. Foto nyana_ponika; Wikimedia Commons.

Trotz seines Buddhismus blieb das Judentum für Feniger ein wichtiger Referenzpunkt, wie er in verschiedenen Korrespondenzen mit jüdischen Persönlichkeiten, unter anderem dem israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion (1886–1973), betonte. Feniger (Nyanaponika) steht somit exemplarisch für die globalen Nachwirkungen der Buddhismusbegeisterung im deutschsprachigen Raum über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus, die den Buddhismus vor allem in Deutschland und der Schweiz, aber auch in Südasien beeinflussten.

Ähnlich kann auch das Wirken einiger weiblicher Persönlichkeiten der deutsch-jüdischen Diaspora auf Sri Lanka beschrieben werden. Zu nennen ist hier zuerst die Indologin Betty Heimann (1888–1961), die die Indologie und das universitäre Studium des Sanskrits auf der Insel prägte. Heimann wurde bei Hamburg in eine jüdische Familie geboren und studierte Klassische Philologie und Sanskrit bei dem damals führenden deutschen Indologen Paul Deussen (1845–1919) in Kiel. Nach ihrer Promotion und einer Zwischenstation an der Universität Halle-Wittenberg, wo sie sich 1923 habilitierte und zur Privatdozentin ernannt wurde, lehrte Heimann als außerordentliche Professorin an der Universität in Hamburg. Nachdem ihr im April 1933 durch das sogenannte Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die Lehrerlaubnis als Jüdin entzogen worden war, emigrierte sie nach Großbritannien. Dort unterrichtete sie an verschiedenen Universitäten, unter anderem in London und Oxford.

Zwischen 1945 und 1949 lebte Heimann auf Sri Lanka und lehrte als Professorin für Philosophie an der University of Colombo, damals die einzige Universität des Landes. Dort baute sie das Department of Indian Philosophy and Sanskrit auf und nahm damit maßgeblich Einfluss auf die universitäre Entwicklung dieser Fächer. Nach Deutschland, wo Heimann 1957 rückwirkend von der Universität in Halle zur ordentlichen Professorin ernannt wurde, reiste sie nur besuchsweise. Nach ihrer Emeritierung kehrte sie nach Großbritannien zurück.

Auch der Lebensweg der buddhistischen Nonne Ilse Kussel (1923–1997), später Ayya Khema, war von der Flucht in den 1930er Jahren vor der nationalsozialistischen Verfolgung geprägt und führte sie in der Nachkriegszeit über Umwege nach Sri Lanka. Kussel stammte ursprünglich aus Berlin und floh 1939 nach Shanghai, eine der letzten Zufluchtsstätten für jüdische Geflüchtete, wo sie mit ihrer Familie bis 1949 lebte. Wie viele andere deutschsprachige Juden und Jüdinnen übersiedelte sie von dort in die USA, wo sie sich in Südkalifornien ein neues Leben aufbaute. Danach bereiste sie mit ihrem Sohn und Mann, einem ebenfalls aus Berlin geflüchteten Juden, Südamerika und Asien und gründete in Australien eine Farm mit dem Namen Shalom. Dort beschäftigte sie sich intensiv mit buddhistischer Meditation und jüdischer Mystik, wie unter anderem ihr Briefwechsel mit dem von Berlin nach Jerusalem ausgewanderten Kabbalaforscher Gershom Scholem (1897–1982) zeigt.

In den 1970er Jahren beschloss Kussel schließlich, buddhistische Nonne zu werden. Sie nahm den Namen Ayya Khema an und ging nach Sri Lanka, um dort in der Lagune, in der auch das von Nyanatiloka gegründete Island Hermitage lag, ein buddhistisches Nonnenkloster aufzubauen. Aufgrund der zunehmend gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit und der tamilischen Minderheit, die ab 1983 in einen über 25 Jahre dauernden Bürgerkrieg mündeten, verlagerte sie in den 1980er Jahren ihren Lebensmittelpunkt wieder zurück nach Westdeutschland. Auch sie verfasste unzählige Schriften zum Buddhismus, die besonders in Europa populär waren und es heute noch sind.

Abb. 5: Ayya Khema (zweite von rechts) bei einer Meditation in Waldbachhof, Deutschland, 1993. Foto von nyana_ponika; Wikimedia Commons.

Während für die meisten Juden und Jüdinnen deutscher Herkunft die Beschäftigung mit dem Buddhismus bzw. der indischen Philosophie in ihren unterschiedlichen Ausprägungen eine entscheidende Rolle bei ihrer Migration nach Sri Lanka spielte, war dies bei der Lyrikerin und Schriftstellerin Anne Ranasinghe (1925–2016) anders. Unter dem Namen Anneliese Katz in Essen geboren, entkam sie 1939 als 13-Jährige mit den sogenannten Kindertransporten nach England, wo bereits eine Tante lebte. Ihre Eltern, denen die Ausreise nicht mehr rechtzeitig gelingen sollte, wurden im Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) ermordet.

Ranasinghe blieb in England, heiratete einen singhalesischen Arzt und zog 1951 mit ihm nach Sri Lanka, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Über die nächsten Jahrzehnte machte sie sich dort mit ihren auf Englisch verfassten Gedichten zunächst einen Namen als Dichterin. Ihr literarisches Werk kreiste vor allem um Sri Lanka sowie ihre Erfahrungen und Beobachtungen auf der Insel, thematisierte aber auch oft ihre deutsch-jüdische Herkunft und die Schoa. In ihren Gedichten „From Auschwitz to Colombo“ (1976) und „July 1983“ (1991) zog Ranasinghe Parallelen zwischen der nationalsozialistischen Verfolgung und den ethnischen Konflikten auf Sri Lanka, die in den 1970er und 1980er Jahren zwischen der buddhistischen, singhalesischen Mehrheit und der hinduistischen, tamilischen Minderheit ausbrachen. Ab dieser Zeit erfuhr sie in Deutschland vermehrte Anerkennung und wurde 2015 – kurz vor ihrem Tod in Colombo – mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Wie die meisten jüdischen Geflüchteten kehrte Ranasinghe nicht mehr dauerhaft nach Deutschland zurück. Erst 1983 besuchte sie das erste Mal für ein paar Tage ihre Geburtsstadt Essen, wo sie der dortigen Alten Synagoge einen Gedichtband in englischer Sprache mit deutschen Übersetzungen übergab. Den Band widmete sie ihren Eltern und allen anderen jüdischen Bewohner:innen Essens, die in der Schoa ermordet worden waren.

Mit dieser Auszeichnung endete die Geschichte der deutschsprachigen Juden und Jüdinnen auf Sri Lanka. Einzelne charismatische Persönlichkeiten wie Feniger, Heimann, Ayya Khema und Ranasinghe prägten Sri Lanka nachhaltig. Sie hinterließen ein beachtliches geistiges Erbe, das in Deutschland heutzutage beinahe vergessen ist, auf Sri Lanka aber weiterhin wirkt.

Auswahlbibliografie


Ayya Khema, I Give you my Life. The Autobiography of a Western Buddhist Nun, Boston 1998.
Martin Baumann, Deutsche Buddhisten: Geschichte und Gemeinschaft, Marburg 1993.
Asaf Federman, „His Excellency and the Monk: A Correspondence between Nyanaponika Thera and David Ben-Gurion”, in: Contemporary Buddhism 10 (2009), S. 197-219.
„Betty Heimann“, in: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren, Band 10: Güde–Hein. Hg. vom Archiv Bibliographia Judaica, München 2002, S. 353-355.
Sebastian Musch, Jewish Encounters with Buddhism in German Culture: Between Moses and Buddha (1890–1940), Cham 2019.
Sebastian Musch, „Jewish Migration from Germany to British Ceylon in the Context of the Second World War: Orientalism and the Place of Ideas in the Migration Regime”, in: Joanne Miyang Cho/Eric Kurlander/Douglas McGetchin (Hg.), German-Speaking Jewish Refugees in Asia, 1930–1950: Shelter from the Storm?, New York/London 2025, S. 316-332.
Bhikkhu Nyanatusita/Hellmuth Hecker, The Life of Nyanatiloka Thera: The Biography of a Western Buddhist Pioneer, Kandy 2008.
Norman Simms, „Anne Ranasinghe: Jewish Poet of Sri Lanka; Three Strands in a Literary Corpus”, in: Journal of South Asian Literature 23 (1988), Nr. 1, S. 94-107.
Volker Zotz, Auf den glückseligen Inseln: Buddhismus in der deutschen Kultur, Berlin 2000.

Weiterführende Inhalte


Sebastian Musch, „German Migrants and the Circulation of Buddhist Knowledge between Germany and British Ceylon”, in: Migrant Knowledge, 18.04.2020: https://doi.org/10.58079/14kkl

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Zum Autor

Dr. Sebastian Musch ist Historiker mit Schwerpunkten in der deutsch-jüdischen Geschichte und Migrationsgeschichte. Er forscht als Alfred Landecker Lecturer am Historischen Seminar und Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Die Promotion erfolgte 2018 an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Stationen u.a. in Mailand, Haifa, Berkeley, Oxford und Harvard. Wichtigste Publikationen: Jewish Encounters with Buddhism in German Culture – Between Moses and Buddha (1890–1940) (Palgrave 2019); (Hg. mit Cornelia Wilhelm) The Holocaust and Varieties of Migration (De Gruyter 2026); Rabbiner gegen das Vergessen. Das bewegte Leben des Zvi Asaria (1913–2002) (Campus 2026, im Erscheinen).

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Sebastian Musch, Im heiligen Land des Buddhismus. Deutsch-jüdische Migrant:innen auf Sri Lanka, in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, 12.02.2026. <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-51> [12.02.2026].

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