Auf dem Schild ist ‚W Bondy‘ zu lesen und darunter die Aufschrift ‚Photographie d‘art’ – also Kunstfotografie – mit einem Pfeil, der auf den Eingang weist. Es handelt sich hier um die Fassade des Fotostudios von Walter Bondy (1880–1940) in Sanary-sur-Mer in Südfrankreich, in dem er und seine französische Frau Camille Bondy geborene Bertron (1910–2009) von 1932 bis 1939 die deutschsprachige, überwiegend jüdische Exil-,Community‘ fotografierten, die sich in und um Sanary-sur-Mer herum angesiedelt hatte. Bei dem ebenfalls an der Wand hängenden ‚Beispielfoto‘, das Bondys Künste und Stil vorstellen sollte, könnte es sich um ein Porträt seiner Frau gehandelt haben.
Der Fotograf Bondy porträtierte in seinem Atelier zahlreiche Menschen, die sich zeitweise auf ihrer Flucht vor dem Nationalsozialismus an der Côte d’Azur aufhielten. An die 3000 Aufnahmen vermachte seine Witwe in den 1980-er Jahren der Stadtbibliothek Toulon, wo sich die Sammlung heute noch befindet.
Anhand der Namen der von Bondy Porträtierten kann man fast ein ,Who’s Who‘ der deutschsprachigen jüdischen Exilant:innen in Südfrankreich zusammenstellen: So ließen sich dort unter anderem der Philosoph und Schriftsteller Ludwig Marcuse (1894–1971) mit seiner Frau Erna ‚Sascha‘ Marcuse geborene Reich (1905–1967), die deutsch-amerikanische Malerin Eva Herrmann (1901–1978) oder der Schriftsteller Lion (1884–1958) und seine Frau Marta Feuchtwanger (1891–1987) nieder.
Die Fotos geben einen Einblick in eine fluktuierende deutschsprachige sowohl jüdische als auch nicht-jüdische Exilgemeinschaft, die in Sanary-sur-Mer und insbesondere in Bondys Atelier zusammentraf. Manche hielten sich nur vorübergehend dort auf, gewissermaßen als Zwischenstation; andere blieben mehrere Jahre. Einige kannten sich bereits von früher, andere lernten sich erst in Sanary kennen und schlossen dort Freundschaften, die auch in späteren Lebensstationen ihrer Migration Bestand hatten.
Walter Bondy wurde 1880 in Prag geboren und wuchs, hauptsächlich in Wien, in einer wohlhabenden, kunstliebenden Industriellenfamilie auf. Die Familie war jüdisch, übte ihre Religion jedoch nicht aus und sah sich als assimiliert an. Dies beschrieb Bondys Schwester Antonelle, genannt Toni (1883-1961), folgendermaßen:
„Wir sind ohne Religion erzogen worden. Vaters Familie war schon in der dritten Generation nicht mehr rituell, und mein Vater war vom Ghetto-Typus so weit entfernt, dass er allen Ernstes an eine Assimilation glaubte und sie auch wünschte.“ Toni Cassirer, Mein Leben mit Ernst Cassirer, Hamburg 2003, S. 13.
Mit 18 Jahren begann Walter Bondy ein Kunststudium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, das er in Berlin und München fortsetzte. Bondys Cousins mütterlicherseits waren die Galeristen Bruno (1872–1941) und Paul Cassirer (1871–1926), die den Impressionismus in Deutschland bekannt machten und sich der Künstlergruppe Berliner Secession anschlossen, sowie der Philosoph Ernst Cassirer (1874–1945).
Als überzeugter Anhänger des Impressionismus und Post-Impressionismus zog Bondy 1903 nach Paris, wo er an der privaten Kunstakademie Colarossi studierte. Dort gehörte er bald zur deutschsprachigen Künstlerszene, die sich regelmäßig im Café du Dôme in Montparnasse traf und deren selbsternannte Mission es war, sich für die französische Kunst in Deutschland einzusetzen. Andere illustre ,dômiers‘ waren der Schriftsteller Franz Hessel (1880–1941), der Maler Erich Klossowski (1875–1949) und der Maler Moïse Kisling (1891–1953) – alle drei sollte Bondy später in Sanary-sur-Mer wieder treffen. Bondy malte, begann mit Kunst zu handeln und erkundete Frankreich, insbesondere die Côte d’Azur mit der Hafenstadt Sanary-sur-Mer.
Im Jahr 1914 kehrte Bondy zu Beginn des Ersten Weltkriegs mit seiner ersten französischen Frau, Cécile Houdy (1885–1952), Mutter seiner Tochter Rachel Bondy (1912–1992), nach Berlin zurück. Eingezogen wurde er wohl nicht, sondern konnte in der Stadt bleiben. Nach dem Ende der Habsburgermonarchie im November 1918 erhielt er die österreichische Staatsangehörigkeit und hielt sich wieder regelmäßig in Paris auf, wo er ab 1925 sogar eine kleine Wohnung mietete, um zwischen den Städten zu pendeln.
Bondy spezialisierte sich mehr und mehr auf das Sammeln und den Handel mit ostasiatischer, insbesondere chinesischer Kunst Auktionskatalog Sammlung Walter Bondy: Ostasiatische Kunst, Berlin 1927. sowie mit künstlerischen Objekten der indigenen Bewohner:innen Afrikas, Ozeaniens und Amerikas, die häufig durch koloniale Aneignung nach Europa gelangt waren. Um seine Kunstwerke – etwa für Auktionskataloge – ins rechte Licht zu rücken, begann er, sie professionell zu fotografieren. Über dieses Medium wurde Bondy in den 1920er Jahren zu einem bedeutenden An- und Verkäufer zwischen Frankreich und Deutschland.
Abb. 1: Walter Bondy. Ville de Toulon. Bibliothèque Municipale. Fonds Walter Bondy.
Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise ab 1929 machten Bondy finanzielle Probleme zu schaffen, doch auch die zunehmend unsichere und bedrohliche politische Lage in Deutschland beunruhigte ihn. Die von den Nationalsozialisten ausgehende Gefahr erkannte er früh und schrieb etwa 1931 seinem Freund und Geschäftspartner, dem Kunsthändler Charles Ratton (1895–1986) auf Französisch: „Was die Politik betrifft, so teile ich Ihre Zuversicht nicht. Für mich ist Deutschland absolut erledigt.“ Walter Bondy an Charles Ratton, 2.8.1931, Archives Charles Ratton-Guy Ladrière, Paris. (Alle Übersetzungen von der Verfasserin). Zitiert in Nathalie Bertrand, „Walter Bondy (1880–1940). Portrait(s)“, in: Provence Historique, 2023, Band LXXIII (274), S. 458. Im selben Jahr begab sich Bondy in die Schweiz und ließ sich dann 1932 in Sanary-sur-Mer nieder, das er schon aus früheren Aufenthalten mit befreundeten Künstler:innen kannte.
Kurz nach seiner Ankunft lernte er dort seine spätere Ehefrau, die Französin Camille Bertron, kennen. Bondy musste sich in Frankreich nach einer neuen Einkommensquelle umsehen und sattelte von der Malerei auf die Porträt-Fotografie um; Camille Bertron arbeitete mit ihm zusammen.
Sein Konzept ging auf und René Schickele (1883–1940), Schriftsteller im Exil in Sanary-sur-Mer, kommentierte, dass es die Maler und Fotografen dort leichter als die Literaten gehabt hätten, da ihre Arbeit weniger stark an die deutsche Sprache gebunden gewesen sei – ein Vorteil gegenüber den Schriftstellern, die naturgemäß auf ihre Sprache angewiesen waren.
Neben der lokalen Kundschaft war auch eine weitere interessante Klientel vor Ort: Zahlreiche deutschsprachige Künstler:innen, Schriftsteller:innen und Intellektuelle, viele davon jüdisch und alle Gegner:innen des nationalsozialistischen Regimes, ließen sich zeitweise in Sanary-sur-Mer nieder. Der kleine Ort wurde somit zu einer wichtigen Zufluchtsstätte der intellektuellen deutschsprachigen Elite, wobei es keine Hinweise auf eigene Einrichtungen für jüdische Mitglieder gab. Die Gemeinschaft war vorwiegend durch gemeinsame politische Überzeugungen geprägt, auch wenn es individuelle Spannungen gab – etwa Alma Mahler-Werfels Abgrenzung von einem „jüdisch-kommunistischen Klüngel“. Alma Mahler-Werfel, Mein Leben. Eine Biographie, Frankfurt am Main 2000, S. 283.
Im Jahr 1933 hatte Sanary-sur-Mer eine Gesamtbevölkerung von etwa 2000 Einwohner:innen. In der Region Var, in der Sanary liegt, hielten sich zwischen 1933 und 1945 ungefähr 500 Deutsche und Österreicher:innen auf; in Sanary selbst hatten sich seit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten mindestens 68 deutschsprachige Schriftsteller:innen, Intellektuelle, Journalist:innen und Maler:innen niedergelassen. Magali Nieradka-Steiner, Exil unter Palmen. Deutsche Emigranten in Sanary-sur-Mer, Darmstadt 2022, S. 220.
Schon 1931 hatten die Schauspielerin und Schriftstellerin Erika Mann (1905–1969) und ihr Bruder, der Schriftsteller Klaus Mann (1906–1949), Sanarys Besonderheit in Das Buch von der Riviera beschrieben. Für sie war die kleine Hafenstadt am Mittelmeer „der sommerliche Treffpunkt der pariserisch-berlinisch-schwabingerischen Malerwelt.“ Erika Mann/Klaus Mann, Das Buch von der Riviera, Reinbek bei Hamburg 2014, S. 39.
Bondy handelte weiterhin mit Kunstwerken, die er in seinem Studio fotografierte. Heute erinnert man sich jedoch besonders an ihn wegen seiner Aufnahmen der zumeist deutschsprachigen ,Exilszene‘.
Außer den schon eingangs genannten Künstler:innen und Schriftsteller:innen, die von Bondy porträtiert wurden, hielten sich auch der Dramatiker Bertolt Brecht (1898–1956) und die Schauspielerin und Schriftstellerin Margarete Steffin (1908–1941) sowie die gesamte Familie Mann zeitweise in Sanary-sur-Mer auf. Diese Ansammlung von deutschsprachigen Schriftsteller:innen veranlasste Ludwig Marcuse in seinen Lebenserinnerungen zu dem Ausspruch, das Sanary der 1930er Jahre sei die „Hauptstadt der deutschen Literatur“ Ludwig Marcuse, Mein zwanzigstes Jahrhundert, Zürich 1975, S. 180. gewesen.
Viel Solidarität scheint innerhalb dieser Gruppe nicht vorhanden gewesen zu sein. Der englische Autor Aldous Huxley (1894–1963) etwa, der von 1930 bis 1937 in Sanary lebte und dort seine Dystopie Brave New World (1932) schrieb, störte sich daran, dass sich einige wenige Autoren, etwa Feuchtwanger und Mann, als ,Dichterfürsten‘ aufspielten und es eine Art Zweiklassengesellschaft unter den deutschen Exilant:innen gab. Die meisten hatten finanzielle Probleme und keine Prominenz, die ihnen weiterhelfen könnte. Wenn es auch durchaus Solidarität und gegenseitige Hilfe gab, bestand doch oftmals ein existenzieller Graben zwischen den ,Stars‘ und den ,normalen‘ Geflüchteten, wie etwa Erich Klossowski und Ludwig Marcuse. Man frequentierte auch nicht unbedingt die gleichen Cafés: Während die Wohlhabenderen sich in den Cafés de la Marine oder Chez Schwob trafen, hielten sich etwa Klossowski und Bondy lieber im am Hafen gelegenen Café de Lyon auf, das hauptsächlich von der alteingesessenen französischen Bevölkerung besucht wurde.
Doch in Bondys Fotostudio am Quai Marie Esmenard Nr. 8 waren alle gleich. Er lichtete seine Kund:innen meistens im geschickt ausgeleuchteten Dreiviertel-Profil ab, vor neutralem Hintergrund, ungeachtet ihrer Schicksale und oft schwierigen Situationen. Es scheint, als habe er die Essenz eines jeden Menschen einfangen wollen. Die Alltagssorgen werden auf den Fotografien nicht ausgedrückt oder thematisiert; seine Modelle erscheinen gelöst, gelassen, träumerisch, jovial, doch nie resigniert oder verzweifelt. Der prekäre Alltag ist ausgeblendet. Am besorgtesten wirkt Bondy selbst auf einem Selbstporträt.
Bis 1937 befand sich Bondys Atelier in Sanary in bester Lage am Hafen, dann im rund zehn Kilometer entfernten Toulon. Doch leben konnte er davon mehr schlecht als recht, und als ihm nach dem ,Anschluss‘ im März 1938 der Zugang zu seinen letzten Geldreserven in Österreich abgeschnitten wurde, plagten ihn erneut ernsthafte finanzielle Probleme.
Zweimal, 1934 und 1936, beantragte der frankophile Bondy die französische Staatsangehörigkeit, doch beide Male wurde sein Gesuch abgelehnt. Frankreich hatte in den 1930-er Jahren begonnen, seine Immigrationspolitik zu verschärfen. Der Bürgermeister von Sanary-sur-Mer reichte zudem die Information ein, dass Bondy zum Wehrdienst unfähig sei und seine Einbürgerung daher keinen ,nationalen Nutzen‘ habe.
Im Jahre 1938 verlor Bondy seine Arbeitserlaubnis und nach Kriegsausbruch 1939 drohte ihm die Internierung als ,feindlicher Ausländer‘ im nahe gelegenen Konzentrationslager Les Milles. Zwar konnte seine Frau seine Internierung abwenden, indem sie für ihren schon kränklichen Ehemann eine Bescheinigung über Transportunfähigkeit erwirkte. Doch der Lebensmut verließ ihn mehr und mehr. Bondy starb im September 1940, nachdem er aufgehört hatte, sich das für seinen Diabetes lebensnotwendige Insulin zu spritzen.
Während Thomas Mann schon 1933 weiter in die Schweiz und dann in die USA gezogen war, blieb der Schriftsteller Lion Feuchtwanger in Sanary-sur-Mer. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 wurde er – wie viele andere Männer aus Deutschland – im Internierungslager Les Milles in der Nähe von Aix-en-Provence als ,feindlicher Ausländer‘ interniert, was erst einmal nichts mit seiner jüdischen Herkunft zu tun hatte. Doch dann spitzte sich die Lage im Mai 1940 mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich zu. Alle freigelassenen deutschen Männer sollten erneut als ,feindliche Ausländer‘ interniert werden – darunter Feuchtwanger, der als Jude nun zudem eine Deportation ,in den Osten‘ befürchten musste. In der Tat wurden 1942 über 2000 jüdische Menschen ab Les Milles und über Drancy nach Auschwitz deportiert.
Schon am 6. Mai 1940 hatte der Bürgermeister von Sanary den Präfekten des Départements Var darauf hingewiesen, dass sich in seiner Kommune zahlreiche staatenlose Personen aus Deutschland und Österreich aufhielten. Für die nationale Sicherheit stellten sie ihm zufolge eine potenzielle Gefahr dar, insbesondere im Hinblick auf die Nähe zum militärischen Hafen von Toulon.
Mit dem Übergang von der Dritten Französischen Republik zum Vichy-Regime 1940, das mit den Nationalsozialisten kollaborierte, verschärfte sich die Gefahr für die deutschsprachigen Internierten. Sie waren zumeist Oppositionelle des NS-Regimes. Ein Artikel des Waffenstillstandsvertrages vom 22. Juni 1940 besagte, dass Gegner:innen des Nationalsozialismus an Deutschland ausgeliefert werden sollten. Die Internierten in Les Milles ergriff daraufhin die Panik. Der expressionistische Schriftsteller Walter Hasenclever (1890–1940) nahm sich das Leben. Es sollte ein Transport nach Nordafrika organisiert werden: Ein Zug brach in Richtung Bayonne auf, kehrte jedoch aufgrund sich widersprechender Informationen um und die Gefangenen – darunter Feuchtwanger – wurden in das Lager Saint-Nicolas in der Nähe von Nîmes gebracht.
Marta Feuchtwanger war ebenfalls mit anderen deutschen Frauen aus Sanary interniert worden – ab Mai 1940 im Lager Gurs in Südwestfrankreich, wohin zahlreiche als ,unerwünscht‘ geltende Frauen aus Deutschland gebracht wurden. Als diese sogenannten ,Mai-Frauen‘, zu denen auch die Fotografin Jeanne Mandello (1907–2001) zählte, nach dem Waffenstillstand entlassen wurden, begab Marta Feuchtwanger sich auf die Suche nach ihrem Mann. Durch die Hilfe US-amerikanischer Diplomaten schaffte sie es schließlich, ihn aus dem Lager zu schmuggeln und nach Marseille zu bringen. Die illegale Ausreise aus Frankreich wurde von der US-amerikanischen Hilfsorganisation Emergency Rescue Committee (ERC) unter der Leitung des Journalisten Varian Fry (1907–1967) organisiert. Die Feuchtwangers erreichten im Herbst 1940 New York mit einem Schiff aus Lissabon.
Abb. 2: Marta und Lion Feuchtwanger. Ville de Toulon. Bibliothèque Municipale. Fonds Walter Bondy.
Dieses Glück hatten nicht alle: Der deutsch-jüdische Schriftsteller und Übersetzer Franz Hessel, der sich 1938 ebenfalls in Sanary-sur-Mer niedergelassen hatte, war Feuchtwangers Lagergenosse in Les Milles und Saint-Nicolas gewesen. Er starb Anfang 1941 im Alter von 60 Jahren in Sanary an den Folgen seiner Haft.
1942 begannen schließlich die Deportationen aus Frankreich, denen auch ein junger Anwohner von Sanary-sur-Mer zum Opfer fiel: Ernst Meyer (1923–1942), Sohn der jüdischen Fotografin Ilse Salberg (1901–1947) aus Köln, wurde im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.
Die deutsch-amerikanische Malerin und Karikaturistin Eva Herrmann überlebte den Krieg. Als 18-Jährige war sie mit ihrem Vater, einem US-Amerikaner, von München nach New York emigriert. Ihre Mutter wurde später aufgrund ihrer jüdischen Herkunft in Auschwitz ermordet. Herrmann kannte Sanary wohl über ihren Schwager, den österreichischen Maler Wilhelm Thöny (1888–1949), der sich dort regelmäßig aufhielt. Sie lebte – mit Unterbrechungen – von 1932 bis 1939 in Sanary, wo sie alle Protagonist:innen der berühmten ,Sanary-Szene‘ karikierte und so ebenfalls als eine Porträtistin dieser Gruppe zu zählen ist. Mit Beginn des Krieges 1939 konnte die Kosmopolitin Herrmann zurück in die USA reisen, von wo aus sie manchen ihrer in Europa verbliebenen Freund:innen zur Flucht verhalf.
Abb. 3: Eva Herrmann. Ville de Toulon. Bibliothèque Municipale. Fonds Walter Bondy.
Dem Schriftsteller und Philosophen Ludwig Marcuse verdanken wir wiederum zahlreiche szenische Schilderungen von Sanary-sur-Mer. So schrieb er in Anlehnung an ein berühmtes Berliner Künstlerlokal, die kleine Hafenstadt sei „ein sehr umfangreiches Romanisches Café mit Marmor-Tischen und Badehosen“ gewesen, das im Sommer „von literarischen Kaisern“ überfüllt gewesen sei. Marcuse, Mein zwanzigstes Jahrhundert, S. 183.
Marcuse selbst war Anfang 1933 mit seiner Frau Erna Marcuse nach Frankreich emigriert, lebte mehrere Jahre in Sanary und bemühte sich 1938 – nach seiner Ausbürgerung durch das nationalsozialistische Deutschland – um ein Visum für die USA. Eine offizielle Einladung des bereits nach New York umgesiedelten Instituts für Sozialforschung unter dem Philosophen Max Horkheimer (1895–1973) erleichterte das Prozedere. 1944 erhielt Marcuse schließlich die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Er starb 1971 in Bayern, wohin der gebürtige Berliner in den 1960er Jahren gezogen war.
Hiobsbotschaften über ihre Bekannten, die die Exilant:innen untereinander austauschten – wie etwa den Selbstmord des Schriftstellers Ernst Toller (1893–1939) – gab es viele. Finanzielle und familiäre Probleme, die quälende Sorge um zurückgebliebene Angehörige und Freund:innen sowie die Angst vor der Zukunft waren diesen Menschen darüber hinaus Wegbegleiter. Doch in Bondys Fotoatelier schien die Welt – jedenfalls für die kurze Zeit der Aufnahme – in Ordnung. Jede und jeder Angehörige dieser deutschsprachigen jüdischen Diaspora musste eine individuelle Antwort auf die Fragen nach Zugehörigkeit und Identität finden – der Fotograf Bondy eingeschlossen. Während der Zeit im Fotostudio jedoch konnten diese und andere existenzielle Probleme für einen kurzen Moment pausieren. Die entstandenen Fotografien stellen somit eine besondere Bestandsaufnahme einer spezifischen, in sich vielfältigen Gruppe dar.
Walter Bondy selbst erlebte das Ende des Krieges nicht, in dem unter anderem eine seiner Schwestern, Martha (1888–1942), und sein Schwager Oscar Pollak (1878–1942), der ebenfalls jüdisch war, deportiert und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez nahe Minsk ermordet wurden. Kurz vor seinem Tod hatte er wahrscheinlich den Eindruck, dass er, der deutsch-französische Künstler, Vermittler eines aktiven Kulturtransfers zwischen Deutschland und Frankreich, gescheitert war. Doch sein künstlerisches Erbe und seine kulturellen Verdienste leben fort und werden erforscht. Noch heute verleihen seine Fotografien in Publikationen und Ausstellungen dem deutschsprachigen, insbesondere deutsch-jüdischem Exil in Sanary ihr unverwechselbares Gesicht.
Jacques Grandjonc/Theresia Grundtner, Zone d'ombres : 1933-1944 : exil et internement d'Allemands et d'Autrichiens dans le sud-est de la France, Aix-en-Provence 1990.
Doris Obschernitzki, Letzte Hoffnung – Ausreise. Die Ziegelei von Les Milles 1939-1942. Vom Lager für unerwünschte Ausländer zum Deportationszentrum, Berlin 1999.
„Auf den Spuren der Schriftsteller im Exil“. Eine virtuelle Route zu Ehren der
Schriftsteller:innen und Künstler:innen, die in Sanary-sur-Mer Zuflucht fanden.
Touristenbüro Sanary-sur-Mer: www.sanary-tourisme.com/de/sanary-entdecken/geschichte-und-kulturerbe/sanary-land-des-exils/auf-den-spuren-der-schriftsteller-im-exil/
Broschüre: „The Exile of the German and Austrian Writers in Sanary“.
Dokumentation zum Exil deutschsprachiger Autor:innen in Sanary-sur-Mer. Touristenbüro
Sanary-sur-Mer: www.calameo.com/read/0060437613359332fdcdf
Podcast: „Sanary, Land des Exils“.
NDR: www.ndr.de/nachrichten/info/epg/sanary-sur-mer-hauptstadt-der-deutschsprachigen-exil-literatur,sendung-64282.html
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Sandra Nagel ist Gymnasiallehrerin in Deutsch und Geschichte in Paris sowie freiberufliche Kuratorin und Forscherin (https://pastnotpast.com/), unter anderem für das Imperial War Museum, das Mémorial de la Shoah und das französische Kulturnetzwerk im Ausland. Ihre Forschungsschwerpunkte bilden der Holocaust allgemein, deutsch-jüdisches Exil und Internierungen in Frankreich, besonders im Lager Les Milles, und die Rehabilitation vergessener Künstler:innen wie etwa Jeanne Mandello. Zuletzt erschienen von ihr sind die Beiträge „Curatorship and Gender Exhibition design“ in Routledge Companion to Global Photographies, London 2024 sowie „Ilse Salberg – creating ‘order’ in times of chaos“ in Enunciación visual, Universidad de Palermo Buenos Aires 2025.
Sandra Nagel, Walter Bondys Fotoatelier in Sanary-sur-Mer, in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, 04.08.2026. <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-63> [05.08.2026].