Grete Stern (1904–1999)

Christina Wieder

Geboren am 9. Mai 1904 in Elberfeld, Deutschland
Gestorben am 24. Dezember 1999 in Buenos Aires, Argentinien
Tätigkeit: Fotografin, Grafikerin, Lehrende
Migration: Großbritannien, 1933 | Argentinien, 1935

Grete Stern zählt heute zu den wichtigsten Vertreter:innen der modernen Fotografie in Argentinien. Ihr wurden Ausstellungen in den großen Museen des Landes gewidmet und auch in Deutschland begann man in den vergangenen Jahren – spätestens seit dem Bauhaus-Jubiläum 2019 –, ihr Werk allmählich wiederzuentdecken.

Stern, die 1933 aus Deutschland fliehen musste, prägte mehrere Generationen von Künstler:innen, insbesondere junge Frauen, die die Fotografie als emanzipatives Medium verstanden. Ihr Schaffen zeugt von einer Vielschichtigkeit und analytischen Tiefe, von einer modernen Formensprache sowie einem kritischen Blick, der präzise die politischen und sozialen Geschehnisse ihrer Umgebung in der Diaspora kommentiert.

  • Christina Wieder

Abb. 1: Grete Stern, Selbstporträt, 1935; © Grete Stern Archiv. Mit freundlicher Genehmigung der Galeria Jorge Mara – La Ruche, Buenos Aires.

Frühe Jahre


Grete Stern erblickte in Elberfeld (heute Wuppertal) am 9. Mai 1904 das Licht der Welt. Sie wuchs in einem bürgerlich-jüdischen Haushalt auf, in dem Wert auf Bildung, Kunst und Musikerziehung gelegt wurde. Die Familie, die nicht religiös lebte, war in der Textilbranche tätig und häufig beruflich in London. Da der Vater Ludwig Stern (?–1910) früh starb, zog ihre Mutter Frida Stern geborene Hochberger (?–1935) Grete Stern und ihren Bruder Walter (?–?) weitgehend allein groß.

Bald wurde klar, dass Stern sich künstlerisch betätigen wollte. 1923 begann sie ihr Studium der Grafik bei Friedrich Ernst Schneidler (1882–1956) an der Kunstgewerbeschule Stuttgart, das sie 1925 abschloss. Einige Ausstellungen mit grafischen Arbeiten folgten. Da sie sich fotografisch weiterbilden wollte, übersiedelte Stern nach Berlin – wo ihr Bruder bereits lebte – und wandte sich auf Empfehlung an den Fotografen Walter Peterhans (1897–1960), um privat bei ihm zu studieren. Peterhans hatte sich früh als zentraler Vertreter der Neuen Sachlichkeit einen Namen gemacht, die sich durch eine nüchterne Darstellung der Gesellschaft und ihrer Probleme auszeichnete, und wurde aufgrund dessen ans Dessauer Bauhaus berufen. In der modernen, avantgardistischen Kunstschule, die sich dort seit 1925 befand, baute Peterhans die Fotografiewerkstatt auf.

Nach einem kurzen Privatstudium in Berlin folgte Stern ihrem Lehrer nach Dessau und studierte einige Semester am Bauhaus. Eigentlich war sie zu diesem Zeitpunkt bereits hauptberuflich als Betreiberin eines Grafikstudios tätig. 1929 hatte Stern – auch bekannt unter ihrem Künstlernamen ,Ringl` –gemeinsam mit Ellen Auerbach geborene Rosenberg (1906–2004) das Künstlerinnen-Kollektiv ringl+pit gegründet, mit dem die beiden Fotografinnen zahlreiche Erfolge verbuchten. Auerbach war ebenfalls Schülerin bei Peterhans gewesen und wurde rasch zu einer engen Freundin und Wegbegleiterin von Stern.

Abb. 2: Walter und Ellen Auerbach, 1930; Foto: Grete Stern; © Grete Stern Archiv. Mit freundlicher Genehmigung der Galeria Jorge Mara – La Ruche, Buenos Aires.

Am Bauhaus lernte Stern außerdem ihren späteren Ehemann Horacio Coppola (1906–2012) kennen, einen bereits bekannten Fotografen der argentinischen Avantgarde. Gemeinsam mit Coppola, Auerbach und deren Ehemann, dem Bühnenbildner und Marxisten Walter Auerbach (1908–1966), bewegte sich Stern in den schnelllebigen künstlerischen Sphären Berlins. Sie experimentierte mit Formen, Genres und Strömungen und integrierte zugleich emanzipative Ideen sowie psychoanalytische Ansätze in ihr Schaffen. Durch die nationalsozialistische Machtübertragung fand dieses gemeinschaftliche künstlerische und intellektuelle Experimentieren ein jähes Ende. Ellen und Walter Auerbach emigrierten 1933 nach Tel Aviv und später nach London, wo es erneut zu einem Zusammentreffen mit Stern kam.

Emigration nach London


Das Bauhaus, dessen moderne Ausrichtung von den Nationalsozialist:innen als ,undeutsch‘ abgelehnt wurde, war bereits in Dessau seit den frühen 1930er Jahren von Übergriffen betroffen gewesen, was den Umzug der Hochschule nach Berlin zur Folge hatte. Doch auch in der deutschen Hauptstadt, so berichtete Stern später, zeichnete sich seit der nationalsozialistischen Machtübertragung allgemein ein Wandel in künstlerischen Kreisen ab. Viele Wegbegleiter:innen verließen das Land wegen mangelnder Perspektiven sowie aus Angst vor Zensur und Verfolgung. Auch Stern, die als Jüdin und politisch engagierte linke Künstlerin befürchtete, in den Fokus der Behörden zu geraten, kehrte Berlin den Rücken . Gemeinsam mit Coppola emigrierte sie 1933 erst nach London, wo sie Verwandte hatte. Ihre Mutter blieb in Berlin und nahm sich dort 1935 das Leben; ihr Bruder konnte in die USA fliehen. Das Bauhaus Berlin wurde bereits 1933 nach einer Hausdurchsuchung geschlossen.

Familiäre Netzwerke waren insbesondere in der Emigration von zentraler Bedeutung und bedingten vielfach die Wahl des Ziellandes. Zwar konnte Stern nur wenig Besitz bei ihrer Einreise nach England mitnehmen, aber es gelang ihr, das Fotoequipment zu retten. Damit war der Grundstein dafür gelegt, eine Existenz als Fotografin aufzubauen. In London porträtierte Stern viele bekannte Personen der deutschsprachigen Emigration, darunter den Philosophen Karl Korsch (1886–1961), die Psychoanalytikerin Paula Heimann (1899–1982) sowie die vorübergehend in London verweilende Schauspielerin Helene Weigel (1900–1971) mit ihrem Partner, dem bekannten Dramatiker Bertolt Brecht (1898–1956). Die Porträtserie ist von einem analytischen Blick gekennzeichnet, in einem schlichten Stil gehalten und zeigt deutlich den ästhetischen Einfluss Walter Peterhans’ auf die Fotografin. Die Bilder fokussieren die von Flucht und Verfolgung geprägten Gesichter der Porträtierten und fangen die ambivalente Stimmung des Exils ein – zwischen Unsicherheit, dem Wunsch nach Neuorientierung und, für manche, der Hoffnung auf Rückkehr. Nach der Ankunft in Argentinien setzte Stern diese Serie fort und dokumentierte auf diese Weise auch die Exilnetzwerke in Buenos Aires fotografisch.

Stern betrieb in London zudem ein Werbestudio, mit dem sie sich finanziell über Wasser halten konnte. Ihre Fotos entwickelte sie im Badezimmer ihrer kleinen Wohnung. Dennoch waren ihre Möglichkeiten, beruflich in England Fuß zu fassen, beschränkt und es wurde rasch klar, dass sie weiter nach Argentinien ziehen würde. Zwar konnte sie in London auf die Unterstützung anderer deutschsprachiger Emigrant:innen zählen, mit denen sie in engem Kontakt stand, doch kämpften auch diese vielfach mit den täglichen Herausforderungen. Viele Arbeitsmöglichkeiten blieben den Brit:innen vorbehalten, während sich viele Emigrant:innen dazu gezwungen sahen, unterbezahlte Dienstleistungen – unter anderem als Hauspersonal – zu verrichten.

1935 heirateten Stern und Coppola, der argentinischer Staatsbürger war. Im Gegensatz zu ihrer Situation in London war ihr Ehemann in Argentinien weitreichend und über die Exilcommunity hinaus vernetzt, was auch für Stern neue berufliche Perspektiven eröffnete. Noch bevor die beiden Europa endgültig verließen, kam 1936 ihre Tochter Silvia zur Welt. Sohn Andrés wurde 1940 in Argentinien geboren.

Abb. 3: Grete Stern, Selbstporträt, 1943. Silbergelatineabzug auf Papier, 21,9 × 30,5 cm. Museo Nacional de Bellas Artes (Schenkung von Sara Facio, 1995), Buenos Aires.

Ankunft in Buenos Aires


Außergewöhnlich an Grete Sterns Ankunft in Buenos Aires war, dass sie bereits zuvor einem Teil der lokalen Kunstszene bekannt gewesen war. Schon 1935 hatte eine Ausstellung mit ihren und Coppolas Arbeiten in der Zentrale von SUR, einer bedeutenden Kulturzeitschrift, stattgefunden. Jorge Romero Brest (1905–1989), ein sprachgewandter Kunstkritiker und Vertreter der Moderne in Argentinien, fand lobende Worte für ihre Arbeiten und erkannte Stern und Coppola damit zugleich einen zentralen Platz in der Entwicklung der modernen Fotografie zu. Dass diese Ausstellung 1935 gezeigt werden konnte, ist wohl wesentlich der Schriftstellerin Victoria Ocampo (1890–1979), damals Herausgeberin von SUR, zu verdanken. Ocampo setzte sich intensiv für Intellektuelle und Kunstschaffende in Argentinien ein, darunter viele Jüdinnen und Juden, die vor dem Nationalsozialismus geflohen waren.

Dennoch war Sterns Ankunft von einer Vielzahl an Unsicherheiten geprägt: Gerade Mutter geworden, suchte die Künstlerin Arbeit und Anschluss in einem neuen Umfeld. Sie hatte in Berlin und London ein ökonomisch wie sexuell emanzipiertes Leben geführt. In Buenos Aires war sie stärker als bisher von Coppola abhängig und stieß vielfach auf konservative Ansichten – nicht zuletzt in der Familie ihres Mannes –, die ihr zu schaffen machten. Schließlich repräsentierte Stern kein traditionelles Bild von Mutterschaft, strebte berufliche Unabhängigkeit an und widersprach damit der geltenden Norm im Argentinien der 1930er Jahre, die Frauen auf ihre Tätigkeit im Privaten reduzierte. Beruflich musste sie diverse Misserfolge verzeichnen, bis allmählich bessere Zeiten anbrachen.

Künstlerische Netzwerke


In Argentinien verkehrte Grete Stern anfänglich kaum in deutschsprachigen Kreisen, wenngleich sie zu einzelnen Personen aus jüdischen und politischen Exilorganisationen Kontakt hielt. Viel stärker waren hingegen ihre Verbindungen zur osteuropäisch-jüdischen Einwanderungscommunity in Argentinien, die sich bereits vor den 1930er Jahren herausgebildet hatte, sowie zu Angehörigen des spanisch-republikanischen Exils. Dies mag mitunter daran gelegen haben, dass die Fotografin relativ früh nach Buenos Aires gelangt war und in Argentinien erst 1938 der Zustrom von deutschsprachigen Geflüchteten massiv anstieg.

Stern zeigte vor allem intensives Engagement, um mit der lokalen Kunstszene in Kontakt zu treten, und entwickelte sich mit der Zeit zu einer integralen Figur der argentinischen Avantgarde. Ihr Haus in Ramos Mejía, in der Metropolregion Buenos Aires, wurde sogar zu einem zentralen Treffpunkt für Kunstschaffende und Intellektuelle. Insbesondere ihr Studium am Bauhaus und ihre Partizipation in den künstlerischen Kreisen der Weimarer Republik beeindruckten viele Künstler:innen, die nun aktiv den Kontakt zu Stern suchten. Selbst nach der Scheidung von Coppola 1943 blieb sie dadurch eine wichtige Persönlichkeit der kreativen Kreise von Buenos Aires.

Stern arbeitete unter anderem mit dem Künstler:innen-Kollektiv MADI zusammen, das sich der konkreten Kunst widmete. Zwar ist nicht überliefert, was genau das Akronym MADI bedeutet, doch wird davon ausgegangen, dass es sich um eine Anspielung auf den materialismo dialéctico (Dialektischer Materialismus) handelte, der programmatisch für die sozialistische Ausrichtung des Kollektivs stand. Einer der Gründer des Kollektivs war der Objektkünstler Gyula Kosice (1924–2016), der aus einer jüdisch-tschechoslowakischen Familie stammte und bereits Ende der 1920er Jahre nach Argentinien emigriert war. Insbesondere dank seines Bestrebens, MADI und seine Kunst als offene Gemeinschaft zu verstehen, die Künstler:innen und Intellektuelle gleichermaßen miteinschloss, versammelten sich zahlreiche weitere jüdische und politische Emigrant:innen in seinen Kreisen.

Abb. 4: Grete Stern, Fotomontage für MADI, Ramos Mejía, Argentinien, 1946–47. Silbergelatineabzug, 59,8 x 49,4 cm; © Grete Stern Archiv. Mit freundlicher Genehmigung der Galeria Jorge Mara – La Ruche, Buenos Aires.

Viele von ihnen porträtierte Stern, darunter die Wiener Psychoanalytikerin Marie Langer (1910–1987) und die Malerin Gertrudis Chale (1898–1954), den deutschen Gebrauchsgrafiker Clément Moreau (1903–1988) sowie die spanisch-republikanische Frauenrechtlerin Amparo Alvajar (1916–1998). Aber auch bekannte argentinische Schriftsteller:innen und Intellektuelle, wie Jorge Luis Borges (1899–1986), Ocampo oder Margarita Guerrero (?–?), zählten zu ihren Modellen. Diese Bilder stellen eine Fortsetzung und Erweiterung der Londoner Porträtserie dar und bilden fotografisch jene Netzwerke ab, die Sterns Jahre in Buenos Aires prägten.

Exil sichtbar machen


Von 1945 bis 1947 gestaltete Grete Stern einige Fotomontagen für MADI und bot dem Kollektiv ihr Haus als Ausstellungsort an. Die Arbeiten weisen einen modernen Charakter auf, halten eine dynamische Schnelllebigkeit im urbanen Umfeld von Buenos Aires fest und zeugen von der künstlerischen Sozialisation in den avantgardistischen Kreisen Berlins, die sich zunehmend mit Einflüssen aus Argentinien vermengten. Stern agierte schließlich vielfach als kulturelle Übersetzerin: Sie integrierte Elemente der Aufnahmegesellschaft in ihr kreatives Schaffen und adaptierte zugleich ausgewählte Ideen, Motive oder Ansätze aus ihrer früheren Tätigkeit, um sie dem argentinischen Publikum näherzubringen.

Bemerkenswert an Sterns Werdegang ist, dass sie – ähnlich wie viele Künstlerinnen – ihre Flucht- und Exilerfahrungen erst ab den späten 1940er Jahren explizit in ihrem Werk thematisierte, während ihr Schaffen hinsichtlich der jüdischen Herkunft durchgehend eher zurückhaltend blieb., Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie auch in Argentinien unterschiedliche autoritäre und profaschistische Regime erlebte, die ihr nur bedingt ein sicheres Umfeld boten. Stern, die erst 1958 die argentinische Staatsbürgerschaft erhielt, war keine praktizierende Jüdin und verortete sich selbst primär in einem künstlerisch-politischen Umfeld und weniger in einem jüdischen Diaspora-Kontext. Dennoch hatte sie bereits in Deutschland die Erfahrung gemacht, auf ihre jüdische Zugehörigkeit reduziert zu werden, weshalb sie auch in Argentinien, das stetig mehr autoritäre Züge aufwies, Ähnliches befürchtete.

Zu Sterns wichtigsten Arbeiten zählt die sogenannte Traum-Serie (Sueños), die zwischen 1948 und 1951 entstand. Dabei handelt es sich um Visualisierungen von Träumen, die als Illustrationen für eine psychoanalytische Kolumne angefertigt wurden. Erneut trat Stern hier als kulturelle Vermittlerin auf: Sie übersetzte Trauminterpretationen in eine visuelle Form und erweiterte sie durch feministisch-psychoanalytische Ansätze, die sie nicht zuletzt durch ihre Begegnungen in der deutsch-jüdischen Diaspora – etwa mit den beiden Psychoanalytikerinnen Marie Langer (1910–1987) in Buenos Aires oder Paula Heimann (1899–1982) in London – kennengelernt hatte.

Abb. 5: Grete Stern, Sueño No. 31: Made in England, 1950. Fotografie von Silvia Coppola (Tochter der Künstlerin, 1936 in London geboren), Silbergelatineabzug, 50 × 33,5 cm; © Grete Stern Archiv. Mit freundlicher Genehmigung der Galeria Jorge Mara – La Ruche, Buenos Aires.

Sterns Sueños wurden im Kontext der Zeit vielfach als widerständig gelesen, weil sie die Probleme und Anliegen von träumenden Frauen zeigen und in direktem Kontrast zu jenen Bildern stehen, die im Peronismus als weibliches Ideal zirkulierten. Stern hatte sich schon vor ihrer Zeit in Argentinien – etwa in der Zusammenarbeit mit Ellen Auerbach bei ringl+pit – mit alternativen und emanzipativen Weiblichkeitsentwürfen beschäftigt und lehnte sich auch in den Sueños gegen restriktive Rollenzuschreibungen auf. Insbesondere die Technik der Fotomontage erlaubte es der Fotografin, Kritik an den konservativen Frauendarstellungen des peronistischen Regimes (1946–1955) zu üben und gleichzeitig ihre Erfahrung des Exils implizit zu thematisieren. Schließlich integrierte sie auch stetig mehr Verweise auf ihre jüdische Erfahrung in ihre Kompositionen, etwa Schriftzeichen, die an das hebräische Alphabet erinnern, und führte Gegenstände wie Koffer als Motive ein oder machte Bahnhöfe zum Schauplatz des Geschehens. Erst einige Jahre nach ihrer Ankunft in Argentinien und in einem gänzlich anderen Kontext begann Stern also, in ihrem Schaffen auf ihre eigene Fluchterfahrung hinzuweisen.

Während diese Bildelemente im Kontext der Zeitschrift Idilio noch subtil auf Sterns Exilerfahrung anspielten, machte die Künstlerin durch die spätere Umbenennung und teilweise Überarbeitung der Fotomontagen ihre Erfahrung stetig expliziter. Die Ausstellungen von 1956 am Centro de Estudiantes de Humanidad der Federación Universitaria de La Plata und von 1967 im Foto Club Argentino in Buenos Aires erlaubten Stern, ihre Traum-Bilder in einem neuen Rahmen zu präsentieren und ihre persönliche Exilerfahrung damit einhergehend zu thematisieren.

Späte Schaffensphase


In den 1950er Jahren stabilisierte sich Grete Sterns Arbeitssituation dadurch, dass ihr 1956 – nach dem Ende des peronistischen Regimes – eine Stelle am Museo de Bellas Artes in Buenos Aires angeboten wurde. Jorge Romero Brest wurde der neue Direktor des Museums und bat Stern, eine Fotografiewerkstatt aufzubauen und die Restaurierungsarbeiten fotografisch zu dokumentieren. Diese Stelle, die Stern bis zu ihrer Pensionierung 1970 innehatte, bot ihr schließlich die finanzielle Absicherung, um auch weitere künstlerische Projekte umsetzen zu können. Dazu zählte etwa die sogenannte Chaco-Reihe, die zwischen 1958 und 1964 entstand. Der Schriftsteller und Philosoph Oberdán Caletti (1913–1976), der an der neu gegründeten Reformuniversität in der argentinischen Provinz Chaco lehrte, lud Stern ein, dort Fotografie zu unterrichten und die kleine, aber aktive Kunstszene im Norden Argentiniens einzubinden. Diese war stark geprägt von der indigenen Kultur der Region und von kunsthandwerklichen Praktiken. Stern studierte daraufhin die kreativen Herstellungsprozesse von Gebrauchsgegenständen und dokumentierte die indigenen Lebensweisen mit eindrücklicher Feinfühligkeit. Die Bilder, die im Zuge des ,Chaco-Projektes‘ entstanden, zeugen erneut von ihrem forschenden Blick und halten zugleich die ebenbürtige Position von Fotografin und Porträtierten fest.

Abb. 6: Grete Stern, Mujer Mataco (Indigene der Mataco-Wichí) beim Weben mit Wolle, Las Lomitas, Formosa (Argentinien), aus dem Projekt: Aborígenes del Gran Chaco, 1964, Abzug 1992, Bromsilbergelatine, 30,4 × 23,3 cm. Museum Folkwang, Essen. © Grete Stern Archiv. Mit freundlicher Genehmigung der Galeria Jorge Mara – La Ruche, Buenos Aires.

Wiederentdeckung in der Heimat


Es war insbesondere den Chaco-Fotografien zu verdanken, dass Grete Stern in den 1960er Jahren in Deutschland wiederentdeckt wurde – in einem Moment, als das Interesse an den Entwicklungen in Lateinamerika, geprägt von Freiheitskämpfen und sozialen Bewegungen, bei jungen politischen Menschen stetig wuchs. Auf die Ausstellung mit den Chaco-Fotografien 1975 im Bauhaus-Archiv folgte eine weitere Ausstellung zu den Arbeiten von ringl+pit in Washington 1979. Dort traf sie auch ihre frühe Wegbegleiterin Ellen Auerbach, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verband. Auerbach, die sich nach Stationen im Mandatsgebiet Palästina und Großbritannien schließlich 1937 in den USA niedergelassen hatte, und Stern hielten über Nationalgrenzen hinweg stets Kontakt und pflegten ihren künstlerischen Austausch. Abgesehen von Auerbach hatte sie jedoch kaum Kontakt mit ehemaligen Bekannten, die in Deutschland geblieben waren.

Abb. 7: Grete Stern, Selbstporträt mit der Kamera, 1970. Silbergelatineabzug, 30 x 22 cm; © Grete Stern Archiv. Mit freundlicher Genehmigung der Galeria Jorge Mara – La Ruche, Buenos Aires.

Grete Stern starb am 24. Dezember 1999 in Buenos Aires, wo sie ein eindrucksvolles und vielfältiges Werk hinterließ. Bedingt durch ihre Fluchterfahrung und die vielen unterschiedlichen Stationen, die die Fotografin durchlief, bleibt ihr Werk bis heute nur bruchstückhaft rezipiert. Zugleich erlauben die Künstlerin und ihr Werk, transnationale Netzwerke nachzuzeichnen, die sich durch die verschiedenen Stationen des Exils stetig erweiterten.

Auswahlbibliografie


Paula Bertúa, La cámara en el umbral de lo sensible. Grete Stern y la revista Idilio, 1948–1951, Buenos Aires 2012.
David Foster, Argentine, Mexican, and Guatemalan Photography: Feminist, Queer, and Post-Masculinist Perspectives, Austin 2014, v.a. S. 1-17.
Roxana Marcoci/Sarah Hermanson (Hg.), From Bauhaus to Buenos Aires. Grete Stern and Horacio Coppola, New York 2015.
Christina Wieder, „Montages of Exile. Photographic Techniques and Spatial Dimensions in the Artwork of Grete Stern”, in: Jewish Culture and History: Rethinking Jewish and Non-Jewish Relations 21 (2020) 1, S. 42-65.
Christina Wieder, Visuelle Transformationen des Exils. Die jüdischen Künstlerinnen Grete Stern, Hedy Crilla und Irena Dodal in Argentinien, Bielefeld 2025.

Weiterführende Inhalte


Grete Stern 1930 / 1932–1933 Studierende am Bauhaus, in: Bauhaus Kooperation: https://bauhauskooperation.de/wissen/das-bauhaus/koepfe/biografien/biografie-detail/person-Stern-Grete-1248

Clara Sandler/Juan Mandelbaum, Grete Stern 1904–1999, in: The Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women: https://jwa.org/encyclopedia/article/stern-grete

Podcast des Museums Folkwang, 17. Folge „Träume, Illusionen, Scheinwelten“: www.museum-folkwang.de/de/podcast/traeume-illusionen-scheinwelten

Website ringl and pit mit Fotos von Grete Stern und kurzen Interviews: www.ringlandpit.com/

Roxana Marcoci/Sarah Hermanson Meister (Hg.), From Bauhaus to Buenos Aires. Grete Stern and Horacio Coppola, Museum of Modern Art, New York, 2015: www.moma.org/momaorg/shared/pdfs/docs/publication_pdf/3219/MoMA_SternCoppola_PREVIEW.pdf

Dieses Werk unterliegt den Bedingungen der Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz. Unter Namensnennung gemäß der Zitationsempfehlung darf es in unveränderter Form für nicht-kommerzielle Zwecke nachgenutzt werden.

Zur Autorin

Christina Wieder ist Zeithistorikerin und Kulturwissenschaftlerin mit den Forschungsschwerpunkten Visual History, Frauen- und Geschlechtergeschichte, Exil und Migration sowie Intermedialität/Intervisualität. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität für angewandte Kunst Wien und am NHMW sowie Gastforscherin an der HU Berlin, der Universidad de Buenos Aires und der Cinémathèque française. Derzeit ist sie Postdoc-Assistentin im Forschungsbereich Österreichische Geschichte im Internationalen Kontext am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Kürzlich erschienen: Visuelle Transformationen des Exils. Die jüdischen Künstlerinnen Grete Stern, Hedy Crilla und Irena Dodal in Argentinien, Bielefeld 2025; „Sonderfall“ Angewandte. Die Universität für angewandte Kunst Wien im Austrofaschismus, Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, Berlin/Boston 2024, hg. mit Bernadette Reinhold; „Verhandlungen von Geschlecht und Sexualität in visuellen Kulturen der 1920er- und 1930er-Jahre“, in: zeitgeschichte 2023, Jg. 50, Heft 1, hg. mit Marie-Noëlle Yazdanpanah und Heidrun Zettelbauer.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Christina Wieder, Grete Stern (1904–1999), in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, 25.08.2026. <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-65> [28.08.2026].

Dieses Werk unterliegt den Bedingungen der Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz. Unter Namensnennung gemäß der Zitationsempfehlung darf es in unveränderter Form für nicht-kommerzielle Zwecke nachgenutzt werden.