Die Sammlung von Augenzeugenberichten in der Wiener Library

    Abb. 1: Screenshot des Online-Angebots Testifying to the Truth der Wiener Holocaust Library, 2026.

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    Quellenbeschreibung

    Mitte der 1950er Jahre begann die Wiener Library (heute The Wiener Holocaust Library, WHL) in London ein ambitioniertes Projekt: die Sammlung schriftlicher Augenzeugenberichte von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung und der Schoa. Geleitet wurde die Initiative von der deutsch-jüdischen Historikerin und Soziologin Eva Reichmann (1897–1998), der ersten Forschungsdirektorin der Bibliothek. Mit Unterstützung der Conference on Jewish Material Claims against Germany (Claims Conference) begann das Projekt in London, von wo aus Reichmann ein kleines Team von Angestellten und Ehrenamtlichen leitete. Die Interviewer:innen waren über ganz Europa verstreut und hatten die Aufgabe, Überlebende ausfindig zu machen, sie zu kontaktieren und für ein Gespräch zu gewinnen.

    Das Projekt wurde bis Mitte der 1960er Jahre fortgeführt, wobei es sich konzentrisch und zentrifugal entwickelte: Von London, wo es auf professionelle und kulturelle Kontakte in deutsch-jüdischen Kreisen zurückgreifen konnte, dehnte es sich immer weiter aus, während das Netzwerk aus Interviewer:innen und Überlebenden geografisch breiter und diverser wurde. So entstand eine Sammlung von rund 1.300 Berichten (darunter Briefe, Gedichte, Lieder und andere schriftliche Zeugnisse, überwiegend auf Deutsch verfasst oder aus dem Deutschen übersetzt), von denen viele später die Basis für eine von der WHL erstellte digitale Ressource bildeten: Testifying to the Truth (testifyingtothetruth.co.uk). Sie umfasst die Geschichte sowie das ursprüngliche Klassifikationssystem der Sammlung und bietet zugleich neue Möglichkeiten, sie zu durchsuchen. Das Projekt illustriert die Reichweite und den Einfluss von transnationalen Netzwerken deutscher Jüdinnen und Juden, die nach der Schoa neu geknüpft wurden, und die von seinen Organisator:innen verwendete Methodologie zeigt exemplarisch, wie deutsch-jüdische Flüchtlinge versuchten, das Gedenken an die Schoa zu gestalten. Als Institution zeugt die bis heute bestehende Bibliothek somit von den Anstrengungen der deutsch-jüdischen Diaspora in Großbritannien und anderen Ländern, die Geschichte zu dokumentieren.

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    Empfohlene Zitation

    Die Sammlung von Augenzeugenberichten in der Wiener Library, veröffentlicht in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/quelle/gjd:source-17> [29.05.2026].