The First Ten Tears of the Leo Baeck Institute

Quellenbeschreibung

Im Jahr 1965 blickte der Jurist Siegfried Moses (1887–1974) auf die ersten zehn Jahre des Leo Baeck Instituts (LBI) zurück, der heute weltweit wichtigsten Dokumentations- und Forschungseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums. Das Institut war im Mai 1955 in Jerusalem mithilfe von Wiedergutmachungsgeldern ins Leben gerufen worden und hatte weitere Zentren in New York und London eröffnet. Unter den Gründern befanden sich einige der bedeutendsten deutsch-jüdischen Intellektuellen, die die Schoa überlebt hatten. Die meisten von ihnen stammten aus dem liberalen deutschen Judentum. In der Gruppe, die das LBI in Jerusalem gründete, dominierten humanistische Zionisten, die sich im Brith Shalom („Friedensbund“) für eine jüdisch-arabische Verständigung engagierten, darunter Martin Buber (1878–1965), Gershom Scholem (1897–1982) und Ernst Simon (1899–1988). Sie benannten das Institut nach dem prominenten Rabbiner Leo Baeck (1873–1956), der als Präsident des Council of Jews from Germany die zentrale Persönlichkeit des deutschen Judentums im Exil war. Siegfried Moses, ehemaliger Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) und seit 1949 israelischer Staatskontrolleur, hatte die Entstehung des Instituts unmittelbar miterlebt und nach dem Tode Leo Baecks das Amt des Internationalen Präsidenten übernommen. Seine Rückschau auf das erste Institutsjahrzehnt eröffnete 1965 den zehnten Jahrgang des bis heute in London herausgegebenen LBI Year Book, das zum vorrangigen wissenschaftlichen Forum auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geschichte avancierte.

In dem knapp sieben Druckseiten umfassenden Text entfaltete Moses die Gründungsmotive, Ziele und Entwicklungen des LBI. Es ist denkbar, dass der Beitrag auf seine Rede zum zehnjährigen Institutsjubiläum zurückging und für die Veröffentlichung im Year Book von dessen Herausgeber, dem Journalisten Robert Weltsch (1891–1984), redigiert worden war. Moses wandte sich sowohl an die eigene Gruppe als auch an eine interessierte internationale Öffentlichkeit. Sein englischsprachiger Essay liest sich wie ein persönliches Zeugnis der Gründergeneration, die mit der Erforschung und Dokumentation der Geschichte des deutschsprachigen Judentums gleichzeitig an dieses erinnern wollte. Die Symbolfigur der Gründungsversammlung im Mai 1955, der Philosoph Martin Buber, hatte die Zielsetzung des Instituts als eine geistige Aufgabe der Überlebenden bezeichnet. Ein Echo darauf ist in Siegfried Moses’ Worten deutlich spürbar: „Es lag etwas Einzigartiges darin, dass es [das Institut] von Überlebenden des deutschen Judentums nach einer gigantischen menschlichen und politischen Katastrophe gegründet und für die Erforschung einer historischen Ära konzipiert wurde, die mit großen Hoffnungen begann und in einer Tragödie endete.“  Übersetzung aus dem Englischen durch die Autorin.

Die erste Generation des LBI war davon ausgegangen, dass mit dem Verschwinden der eigenen Gruppe auch die Erinnerung an das deutschsprachige Judentum verloren gehen würde. Und doch wurden 1965 die Erneuerungstendenzen des Instituts allerorts sichtbar. Moses schrieb, dass die „Zwischenbilanz“ des LBI in vielerlei Hinsicht die Erwartungen der Gründer bei weitem übertraf. Seit Mitte der 1960er Jahre wurde die erste Generation von einer Gruppe jüngerer, mehrheitlich studierter Historiker abgelöst, die zumeist schon als Kinder oder Jugendliche Deutschland verlassen hatten. Sie begannen, neue Themenbereiche zu erschließen und Kooperationen anzubahnen, die die Grundlagen für den bis heute anhaltenden wissenschaftlichen Erfolg und die internationale Sichtbarkeit des LBI bilden.

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Empfohlene Zitation

The First Ten Tears of the Leo Baeck Institute, veröffentlicht in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/quelle/gjd:source-20> [31.07.2026].