Das Leo Baeck Institut. Vom deutsch-jüdischen Erinnerungsort zur globalen Forschungsgemeinschaft

Ruth Nattermann

Quellenbeschreibung

Im Jahr 1965 blickte der Jurist Siegfried Moses (1887–1974) auf die ersten zehn Jahre des Leo Baeck Instituts (LBI) zurück, der heute weltweit wichtigsten Dokumentations- und Forschungseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums. Das Institut war im Mai 1955 in Jerusalem mithilfe von Wiedergutmachungsgeldern ins Leben gerufen worden und hatte weitere Zentren in New York und London eröffnet. Unter den Gründern befanden sich einige der bedeutendsten deutsch-jüdischen Intellektuellen, die die Schoa überlebt hatten. Die meisten von ihnen stammten aus dem liberalen deutschen Judentum. In der Gruppe, die das LBI in Jerusalem gründete, dominierten humanistische Zionisten, die sich im Brith Shalom („Friedensbund“) für eine jüdisch-arabische Verständigung engagierten, darunter Martin Buber (1878–1965), Gershom Scholem (1897–1982) und Ernst Simon (1899–1988). Sie benannten das Institut nach dem prominenten Rabbiner Leo Baeck (1873–1956), der als Präsident des Council of Jews from Germany die zentrale Persönlichkeit des deutschen Judentums im Exil war. Siegfried Moses, ehemaliger Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) und seit 1949 israelischer Staatskontrolleur, hatte die Entstehung des Instituts unmittelbar miterlebt und nach dem Tode Leo Baecks das Amt des Internationalen Präsidenten übernommen. Seine Rückschau auf das erste Institutsjahrzehnt eröffnete 1965 den zehnten Jahrgang des bis heute in London herausgegebenen LBI Year Book, das zum vorrangigen wissenschaftlichen Forum auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geschichte avancierte.

In dem knapp sieben Druckseiten umfassenden Text entfaltete Moses die Gründungsmotive, Ziele und Entwicklungen des LBI. Es ist denkbar, dass der Beitrag auf seine Rede zum zehnjährigen Institutsjubiläum zurückging und für die Veröffentlichung im Year Book von dessen Herausgeber, dem Journalisten Robert Weltsch (1891–1984), redigiert worden war. Moses wandte sich sowohl an die eigene Gruppe als auch an eine interessierte internationale Öffentlichkeit. Sein englischsprachiger Essay liest sich wie ein persönliches Zeugnis der Gründergeneration, die mit der Erforschung und Dokumentation der Geschichte des deutschsprachigen Judentums gleichzeitig an dieses erinnern wollte. Die Symbolfigur der Gründungsversammlung im Mai 1955, der Philosoph Martin Buber, hatte die Zielsetzung des Instituts als eine geistige Aufgabe der Überlebenden bezeichnet. Ein Echo darauf ist in Siegfried Moses’ Worten deutlich spürbar: „Es lag etwas Einzigartiges darin, dass es [das Institut] von Überlebenden des deutschen Judentums nach einer gigantischen menschlichen und politischen Katastrophe gegründet und für die Erforschung einer historischen Ära konzipiert wurde, die mit großen Hoffnungen begann und in einer Tragödie endete.“  Übersetzung aus dem Englischen durch die Autorin.

Die erste Generation des LBI war davon ausgegangen, dass mit dem Verschwinden der eigenen Gruppe auch die Erinnerung an das deutschsprachige Judentum verloren gehen würde. Und doch wurden 1965 die Erneuerungstendenzen des Instituts allerorts sichtbar. Moses schrieb, dass die „Zwischenbilanz“ des LBI in vielerlei Hinsicht die Erwartungen der Gründer bei weitem übertraf. Seit Mitte der 1960er Jahre wurde die erste Generation von einer Gruppe jüngerer, mehrheitlich studierter Historiker abgelöst, die zumeist schon als Kinder oder Jugendliche Deutschland verlassen hatten. Sie begannen, neue Themenbereiche zu erschließen und Kooperationen anzubahnen, die die Grundlagen für den bis heute anhaltenden wissenschaftlichen Erfolg und die internationale Sichtbarkeit des LBI bilden.

  • Ruth Nattermann

Die Gedächtnisgemeinschaft der Gründer


Abb. 1: Martin Buber und Leo Baeck in London, 1947; Paul Arnsberg Collection F AR 7206, F 381, Leo Baeck Institut New York.

Bereits seit den 1940er Jahren hatten deutsch-jüdische Gelehrte, darunter der Historiker Eugen Täubler (1879–1953) und der Rabbiner Adolf Kober (1879–1958), angesichts der Zerstörung der ‚Wissenschaft des Judentums‘ und der Flucht jüdischer Gelehrter aus dem nationalsozialistischen Deutschland Pläne zur Schaffung von Stätten historischen Forschens und Bewahrens in den Emigrationsländern entwickelt. Nach der Schoa erhielten alle einschlägigen Konzepte eine charakteristische Doppelfunktion: Mit der wissenschaftlichen Erforschung und Aufzeichnung der deutsch-jüdischen Geschichte sollte zugleich die Erinnerung an das deutschsprachige Judentum bewahrt werden.

Nach der Unterzeichnung des Luxemburger Abkommens im September 1952 über Entschädigungszahlungen durch die Bundesrepublik Deutschland eröffnete sich eine konkrete Möglichkeit zur Finanzierung des lang ersehnten Projekts. Die Federführung übernahm die israelische Sektion des Council of Jews from Germany als Mitglied der Claims Conference. Der Council war der internationale Dachverband deutsch-jüdischer Geflüchteter mit lokalen Mitgliedsorganisationen in den USA, Großbritannien und Israel, den Hauptauswanderungsländern deutscher Juden und Jüdinnen. Siegfried Moses wurde aufgrund seines Ansehens in den jüdischen Weltorganisationen zur zentralen Figur der Verhandlungen. In Zusammenarbeit mit Leo Baeck, Martin Buber und Robert Weltsch, dem einstigen Herausgeber der Jüdischen Rundschau, entstand 1954 der Entwurf eines Leo Baeck Institute of Jews from Germany, das durch historische Forschungsarbeiten und Publikationen die Erinnerung an das deutschsprachige Judentum bewahren sollte. Das ultimative Ziel des Instituts bestand in einer Gesamtgeschichte des deutschen Judentums.

Abb. 2: Gründungskonferenz des LBI in Jerusalem, 1955. Von links nach rechts: Akiva Ernst Simon, Shmuel Hugo Bergmann und Martin Buber. Foto: David Rubinger; Leo Baeck Institut Jerusalem.

Die ursprüngliche Idee einer institutionellen Einheit der Arbeitsstätten mit einem Zentrum in Jerusalem, wo bedeutende Gelehrte wie Martin Buber, Akiva Ernst Simon und Gershom Scholem ansässig waren, führte von Beginn an zu Konflikten. Durch das junge LBI lief in ideologischer Hinsicht eine ähnliche Aufspaltung wie durch das deutsche Judentum der Weimarer Republik. Viele der ersten Institutsmitglieder hatten sich in der ZVfD oder, wie im Londoner LBI, im Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) engagiert. Obwohl die zionistische Option eine Minderheitenposition innerhalb des deutschen Judentums dargestellt hatte, spielte ein zionistisches Selbstverständnis in der Gründergeneration des LBI generell eine erhebliche Rolle. Mit Siegfried Moses in Jerusalem, Max Kreutzberger in New York und Robert Weltsch in London wurden alle drei Institute zunächst von Zionisten geleitet. Zugleich bestand im „heimlichen Mittelpunkt“, dem Londoner LBI, aufgrund der Präsenz zahlreicher ehemaliger Mitglieder des CV eine starke liberale Strömung, die in den folgenden Jahren das Image des Instituts auch nach außen maßgeblich prägen sollte. Insgesamt erwiesen sich die Gemeinsamkeiten der Gruppe stärker als die weltanschaulichen Gegensätze. Im frühen LBI schloss sich eine Gedächtnisgemeinschaft zusammen; das gemeinsame Ziel einer Bewahrung der eigenen Geschichte hatte die Gründung des Instituts motiviert und legitimiert.

Die Errungenschaften der drei Zentren standen 1965 im Mittelpunkt von Moses’ Essay. So würdigte er die wertvollen Sammlungen des Archivs und der Bibliothek im New Yorker Institut, den hohen wissenschaftlichen Anspruch des vom LBI London herausgegebenen Year Book und die vom Jerusalemer Zentrum geförderten Schriften und Übersetzungen in hebräischer Sprache, die bis heute die jeweiligen Besonderheiten der drei Institutszentren ausmachen.

Die Erfahrungen von Verfolgung und Flucht schlugen sich insofern in den frühen Schriften nieder, als der Zeitraum nach 1933 weitgehend beschwiegen wurde. Siegfried Moses sprach aus eigenem Empfinden von der Problematik „psychologischer Faktoren, wenn [Autoren] versuchen, eine Vergangenheit zum Leben zu erwecken, die [sie] selbst erlebt haben.“

Abb. 3: Siegfried Moses in Jerusalem, undatiert; Siegfried Moses Collection AR 305, F 2789. Foto: W. Braun; Leo Baeck Institut New York.

Das Publikum bzw. die Adressaten und Adressatinnen der frühen Institutsarbeiten waren mehrheitlich die Überlebenden des deutsch-jüdischen Bildungsbürgertums. Aufgrund seiner Bindung an die deutschen Traditionen der Bildung und Wissenschaft wurde das LBI für sie gleichsam zu einer Ersatzheimat in den Emigrationsländern und zu einer zentralen geistigen Instanz der deutsch-jüdischen Diaspora. Neben einer Fülle biographischer und autobiographischer Beiträge sowie Arbeiten zu deutsch-jüdischen Organisationen publizierte das Institut in seiner Frühzeit Hannah Arendts Biographie der Rahel Varnhagen (1957) und Selma Sterns Josel von Rosheim (1959), das die Autorin Leo Baeck widmete. Der Fokus lag auf Themen des 19. und 20. Jahrhunderts sowie der Emanzipationsgeschichte. Eine eingehende Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Schoa blieb damals noch aus. Die politische Theoretikerin Hannah Arendt (1906–1975), eine der ersten Mitarbeiterinnen des New Yorker Vorstands, konnte sich mit dieser erinnerungskulturellen Intention nicht identifizieren. Sie verließ das LBI 1963 aus Anlass der Kontroverse um ihren Bericht über den sogenannten Eichmann-Prozess in Jerusalem.

Generationswechsel und institutioneller Wandel


Siegfried Moses’ Rückschau auf das erste Institutsjahrzehnt erschien vor dem Hintergrund des einsetzenden Generationswechsels. Im einstigen geistigen Zentrum, dem LBI Jerusalem, gewann nach dem Tod Martin Bubers im Jahr 1965 eine Gruppe jüngerer Historiker deutsch-jüdischer Herkunft an Einfluss, darunter Shaul Esh (1921–1969), Uriel Tal (1926–1984) und Otto Dov Kulka (1933–2021). Durch ihre Arbeiten verlagerte sich der Themenschwerpunkt auf den Zeitraum nach 1933. Seit den 1970er Jahren förderte das LBI Jerusalem zudem gezielt Publikationen in hebräischer Sprache und Kooperationen mit israelischen Universitäten. Siegfried Moses erlebte noch kurz vor seinem Tod im Jahr 1974 die erste Phase der ,Israelisierung‘ des Instituts. Der Historiker Jacob Katz (1904–1998) erweiterte seit den 1980er Jahren den traditionellen deutsch-jüdischen Fokus zunehmend auf die Geschichte jüdischer Gemeinschaften in Ost- und Westeuropa sowie den USA.

Auch im LBI New York zeichnete sich mit dem Kommen der zweiten Generation ein durchgreifender Wandel ab. Die Tatsache, dass das Institut zum größten und international bekanntesten der drei Standorte avancierte, beruht auf dem Aufbau des historischen Archivs und der weltberühmten Bibliothek zur deutsch-jüdischen Geschichte, der wesentlich auf das Engagement des Gründungsdirektors Max Kreutzberger (1900–1978) und der ersten Bibliothekarin Irmgard Foerg (1925–2009) zurückging. Seit den 1970er Jahren bildete das LBI New York, auch aufgrund seiner Nähe zur Columbia University, New York University und dem Jewish Theological Seminary, den wichtigsten Referenzpunkt für Arbeiten zur deutsch-jüdischen Geschichte. Monika Richarz (*1937) war die erste deutsche Historikerin, die sich in den 1970er Jahren als Research Fellow am LBI New York aufhielt.

Abb. 4: Die Bibliothekarin Irmgard Foerg im New Yorker LBI, undatiert; Leo Baeck Institute Collection AR 230, F 36353, Leo Baeck Institute New York.

Die Tätigkeit des LBI London wurde von Beginn an durch die Herausgabe des Year Book bestimmt. Eine gewisse Weltlichkeit der Londoner Gruppe trug maßgeblich dazu bei, langfristige Kontakte zu nichtjüdischen deutschen Gelehrten zu knüpfen. Der generationelle Wandel wurde 1965 eingeleitet durch den von dem langjährigen Institutsdirektor Arnold Paucker (1921–2016) zusammen mit dem Historiker Werner Mosse (1918–2001) herausgegebenen Sammelband Entscheidungsjahr 1932: Zur Judenfrage in der Endphase der Weimarer Republik. Das Scheitern der deutsch-jüdischen ,Symbiose‘ trat nun hinter die Frage, was nach der Blütezeit der Weimarer Republik geschehen war, zurück. So wurde es möglich, den Fokus auf bisher gemiedene Themen wie Nationalsozialismus und Antisemitismus zu richten. Paucker und Mosse beteiligten ausdrücklich auch nichtjüdische deutsche Wissenschaftler an dem Projekt. Angeregt vom Erfolg der Publikation fand 1968 eine Besprechung von Vertreter:innen des LBI London mit deutschen Historikern statt, die den Beginn einer immer engeren Zusammenarbeit darstellte.

Die Gründung der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts in der Bundesrepublik Deutschland (WAG) im Jahr des Mauerfalls 1989 ging auf Werner Mosses gezielte Kontaktaufnahme mit dem Historiker Reinhard Rürup (1934–2018) zurück, der sich bereits seit den 1970er Jahren mit deutsch-jüdischer Geschichte und Fragen des Antisemitismus beschäftigte. Die Weltoffenheit des Londoner Instituts war eine Schlüsselvoraussetzung für die Entstehung der WAG als eigenständige Organisation des LBI in dem Land, von dem sich die Gründergeneration mehrheitlich distanziert hatte. Erstmals übernahmen zwei nichtjüdische deutsche Historiker:innen, Reinhard Rürup und Monika Richarz, die Leitung einer dem LBI zugehörigen Institution. Mit Markus Krah (New York) und Irene Aue-Ben-David (Jerusalem) leiten bzw. leiteten zwei weitere nichtjüdische Direktor:innen die Institute in den USA und IsraelReinhard Rürup und Monika Richarz wurden zu den wichtigsten Mentor:innen jüngerer Generationen, die heute selbst in den Vorständen des LBI und der WAG vertreten sind, an Universitäten lehren und einschlägige Forschungseinrichtungen leiten, darunter die Historiker:innen Miriam Rürup (*1973), Stefanie Schüler-Springorum (*1962) und Andreas Gotzmann (*1960). Die WAG hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erforschung und Darstellung der deutsch-jüdischen Geschichte analog zu den Arbeiten des LBI in Großbritannien, den USA und Israel zu fördern und auch in Deutschland zu intensivieren.

Wege in ein neues Jahrtausend


Die Gesamtgeschichte des deutschen Judentums bezeichnete Siegfried Moses 1965 als „die wichtigste Aufgabe, vor der das Institut zu Beginn seines zweiten Jahrzehnts steht“. Das Monumentalwerk sollte schwerpunktmäßig die deutsch-jüdische Geschichte seit der Emanzipation bis zum Jahr 1939 behandeln. Die Hoffnungen, die die erste Generation mit der Gründung des LBI verbunden hatte, erfüllten sich mehr als 40 Jahre später. Der Historiker Michael A. Meyer (*1937), Professor am Hebrew Union College in Cincinnati und von 1992 bis 2013 Internationaler Präsident des LBI, brachte das Projekt mit Unterstützung der in New York lehrenden Historiker Ismar Schorsch (*1935) und Yosef Hayim Yerushalmi (1932–2009) sowie des damaligen Direktors des LBI New York, Fred Grubel (1908–1998), ins Laufen. Der in Deutschland, Israel und den USA ausgebildete Historiker Michael Brenner (*1964), seit 2013 Internationaler Präsident des LBI, wurde in jungen Jahren Meyers wichtigster Mitarbeiter und Mitherausgeber des Monumentalwerks. Die preisgekrönte vierbändige Gesamtgeschichte Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, die die Beiträge eines internationalen Expert:innenkreises vereint, erschien erstmals 1996 in München. Während der Beginn des Untersuchungszeitraums im 17. Jahrhundert mit dem ursprünglichen Entwurf übereinstimmte, gingen Meyer und Brenner bewusst über die einst geplante Zäsur hinaus und erweiterten die Studie bis 1945. Zugleich fand sich eine gedankliche Verbindung zu den Gründern im Vorwort zur Gesamtgeschichte, in dem die Herausgeber betonten, dass „trotz der erdrückenden Realität des Holocaust, die die hier erzählte Geschichte auf tragische Weise beendet hat”, Michael A. Meyer und Michael Brenner, Vorwort zu dem Gesamtwerk, in: dies. (Hg.), Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, Bd.1: Tradition und Aufklärung 1600–1780, München 2000, S. 9-13, hier S. 10. die Darstellung nicht im Hinblick auf ihn angelegt war. Vielmehr behandelt das Werk die deutsch-jüdische Geschichte als Bestandteil der Geschichte des jüdischen Volkes wie der der Deutschen. Das Projekt vertiefte seit Ende des 20. Jahrhunderts die Beziehungen des LBI zu Historikern und Historikerinnen in Deutschland und setzte somit einen weiteren Erneuerungsprozess in Gang.

Angesichts der vielfältigen Kontakte zu deutschen Wissenschaftler:innen stellte sich um die Jahrtausendwende immer häufiger die Frage nach einer Niederlassung des LBI in Deutschland. Vor diesem Hintergrund unterbreitete Michael Blumenthal (*1926), Gründungsdirektor des Jüdischen Museum Berlin, dem New Yorker Institut 1998 den Vorschlag, eine Zweigstelle am Museum zu eröffnen. Blumenthals Idee entfachte heftige Kontroversen in Institutskreisen, hatte das LBI doch seit seiner Entstehung an einer Tätigkeit ausschließlich außerhalb Deutschlands festgehalten. Schließlich setzten sich die Befürworter einer Öffnung durch – blieben aber dabei, dass es sich nicht um ein Forschungsinstitut im Sinne eines Leo Baeck Instituts in Deutschland handeln solle. Die Eröffnung einer Niederlassung des New Yorker Archivs am Jüdischen Museum in Berlin 2001 war ein deutliches Zeichen für eine Reorientierung des Instituts, das einst Überlebende der Schoa in Jerusalem gegründet hatten. Zwölf Jahre später entstand eine administrative Zweigstelle des LBI New York in Berlin.

Abb. 5: Podiumsdiskussion des LBI New York | Berlin mit Miriam Rürup, Atina Grossmann, Michael A. Meyer, Shira Miron und Shelly Kupferberg im Jüdischen Museum Berlin 2022. Foto: Gregor Matthias Zielke.

Die Ambition, Neues zu schaffen, ohne die Ideale der ersten Generation aus den Augen zu verlieren, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des LBI. Die von Siegfried Moses 1965 angesprochene Rekrutierung jüngerer Wissenschaftler:innen, die Integration der Institute in die akademische Landschaft ihrer Länder und Ausweitung der Themenspektren bildeten wesentliche Voraussetzungen für die Erfolgsgeschichte des LBI. In Jerusalem, dem Erinnerungsort der Gründer, traten seit Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend jüngere Protagonistinnen in den Mittelpunkt innovativer Kooperationen und Publikationen. Ein neu erwachtes Interesse an der Frauen- und Geschlechtergeschichte inspirierte seit der Jahrtausendwende die Themenvielfalt des Jerusalemer Instituts, dessen historisches Gebäude und mediterraner Garten in der Bustenai Street zu einem zentralen Ort für die Diskussion jüdischer Gender-Themen geworden ist.

Ein Großunternehmen, das die Institute in London und Jerusalem gemeinsam mit dem Verein Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts 2023 in Berlin feierlich eröffneten, ist das Global Citizen Science Project – Library of Lost Books. Im Mittelpunkt steht die Suche nach der Bibliothek der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, die von den Nationalsozialisten geraubt und nach Kriegsende über die ganze Welt verstreut worden war. Damit kommt auch die Entstehungsgeschichte des LBI wieder zum Vorschein. Als letzter tätiger Dozent der Hochschule war Leo Baeck an den Versuchen der Rettung ihrer Bibliothek ins Ausland eng beteiligt gewesen und hatte damit die frühen Pläne der Gründerväter inspiriert.

Anlässlich des 70-jährigen Bestehens des LBI im Jahr 2025 wurde zudem die Website „Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora“ gelauncht. Im Mittelpunkt des Online-Portals stehen die Lebenswelten deutschsprachiger Jüdinnen und Juden nach der Flucht oder Emigration aus ihren Herkunftsländern. Verschiedene Textebenen, Quellenarten und Videocontent vermitteln Inhalte zur deutsch-jüdischen Geschichte außerhalb des deutschsprachigen Raums und wenden sich damit gerade auch an ein junges internationales Publikum.

Fazit


Siegfried Moses, der 1965 schrieb, dass die Geschichte des deutschen Judentums „aus historischer, kultureller und menschlicher Sicht“ von allgemeinem Interesse sei, sollte recht behalten. Die seit nunmehr sieben Jahrzehnten andauernde Fülle an Publikationen, Projekten und Kooperationen des LBI legt lebendiges Zeugnis von der Vitalität der deutsch-jüdischen Geschichte ab. Die heutige Geschichtsschreibung des LBI bewegt sich bewusst in transnationalen, europäischen und globalen Zusammenhängen mit einem starken innerjüdischen Bezugspunkt. Seit dem zehnjährigen Institutsjubiläum, das der damalige Internationale Präsident im Year Book gewürdigt hatte, ereigneten sich einschneidende inhaltliche wie organisatorische Kurswechsel. Dies betraf im Besonderen das Verhältnis zu Deutschland, das heutzutage enger ist denn je. Früher deutsch-jüdischer Erinnerungsort im Exil, avancierte das LBI im Laufe seiner Existenz zu einer globalen Forschungsgemeinschaft. Die Denkmal-Funktion der frühen Institutsarbeiten, die – so Moses – „eine bedeutende Epoche faszinierender historischer Relevanz vor dem Vergessen bewahren“ sollten, trat seit dem Kommen der zweiten Generation in den Hintergrund. Zugleich blieben die Ideale der Gründer im Institut lebendig.

Der anhaltende Erfolg des LBI beruht wesentlich auf den außergewöhnlichen Menschen, die seine Entstehung und Erneuerungen inspirierten, wie auch auf dem in Europa, den USA, Israel und weiteren Teilen der Welt seit Ende der 1960er Jahre stetig zunehmenden Interesse an Fragen der deutsch-jüdischen Geschichte. Die einstige deutsch-jüdische Ersatzheimat in den Emigrationsländern ist heute ein international sichtbarer Ort der Forschung, Dokumentation und Diskussion. Seine kreative Kraft schöpft das LBI aus der unendlichen Vielfalt jüdischer Erfahrung und jüdischen Selbstverständnisses, deren Faszination ungebrochen ist und in die Zukunft ausstrahlt.

Auswahlbibliografie


Michael Brenner, „Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts in der Bundesrepublik Deutschland“, in: LBI Information 11 (2005), S. 159-163.
Christhard Hoffmann (Hg.), Preserving the Legacy of German Jewry. A History of the Leo Baeck Institute 1955–2005, Tübingen 2005.
Michael A. Meyer, „Jenseits und diesseits des Abgrundes. Die Aufgaben des Leo Baeck Instituts“, in: LBI Information 4 (1994), S. 6-12.
Ruth Nattermann, Deutsch-jüdische Geschichtsschreibung nach der Shoah. Die Gründungs- und Frühgeschichte des Leo Baeck Institute, Essen 2004.
Ruth Nattermann, 70 Jahre Leo Baeck Institut. Deutsch-jüdische Geschichte in der Diaspora, Berlin/Leipzig 2025.
Arnold Paucker, „History in Exile: Writing the Story of German Jewry“, in: Siglinde Bolbecher u.a. (Hg.), Zwischenwelt 4. Literatur und Kultur des Exils in Großbritannien, Wien 1995, S. 241-255.

Weiterführende Inhalte


DigiBaeck – Digitale Sammlungen des Leo Baeck Instituts
https://www.lbi.org/de/collections/digibaeck/

EXIL. Ein Podcast des LBI New York | Berlin in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung
https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/

Library of Lost Books. Ein Projekt des LBI Jerusalem und London zusammen mit dem Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts e.V.
https://libraryoflostbooks.leobaeck.org/

Shared History. Ein Projekt anlässlich 1700 Jahre jüdischen Lebens im deutschsprachigen Raum
https://www.lbi.org/de/projects/shared-history/

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Zur Autorin

Ruth Nattermann ist Leiterin des DFG-Projekts „Transnationaler Humanitarismus und Flüchtlingspolitik im Zeitalter der Weltkriege“ am Research Centre Global Dynamics der Universität Leipzig und Privatdozentin für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Forschung und Publikationen konzentrieren sich auf die europäische und europäisch-jüdische Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts in transnationalen und globalen Zusammenhängen. Unter ihren aktuellen Publikationen: 70 Jahre Leo Baeck Institut. Deutsch-jüdische Geschichte in der Diaspora, Berlin/Leipzig 2025; Jewish Women in the Early Italian Women’s Movement, 1861–1945. Biographies, Discourses, and Transnational Networks, Cham 2022.

Zitationsempfehlung und Lizenzhinweis

Ruth Nattermann, Das Leo Baeck Institut. Vom deutsch-jüdischen Erinnerungsort zur globalen Forschungsgemeinschaft, in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, 31.07.2026. <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-64> [31.07.2026].

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