Das Einwanderungsland USA wurde im 19. und 20. Jahrhundert zum wichtigsten Zielland der deutsch-jüdischen Diaspora. Zwischen 1820 und 1914 wanderten rund 280.000 deutschsprachige Jüdinnen und Juden ein; nach 1933 fanden hier rund 140.000 Geflüchtete Schutz vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Während die Vergabe von Visa in den USA durch eine auf Herkunftsländer bezogene Quote reglementiert und eine Bürgschaft zur Einreise vorausgesetzt wurde, unterstützten mehrere jüdische Hilfsorganisationen wie das American Jewish Joint Distribution Committee (Joint) die Neuankömmlinge aus Europa. Die meisten von ihnen ließen sich in New York nieder, das zum Zentrum der deutsch-jüdischen Diaspora in den USA wurde. Unter ihnen waren zahlreiche Wissenschaftler:innen, die meist – wie viele deutschsprachige Jüdinnen und Juden – dauerhaft im Land blieben. Sie und andere prägten das amerikanische Judentum, gründeten Institutionen wie das Leo Baeck Institute und formten Stadtteile wie Washington Heights in New York. Aus dem Exil entstanden Erinnerungsorte, eine religiöse Erneuerung und ein lebendiger Wissenstransfer – bis heute.
Die deutsch-jüdische Diaspora in den Vereinigten Staaten war Teil der deutschsprachigen Amerikaauswanderung seit dem 19. Jahrhundert. Zwischen 1830 und 1914 kamen weit über sechs Millionen deutschsprachige Einwander:innen aus Mitteleuropa in die USA. Nach den erfolgreichen bürgerlichen Revolutionen in Frankreich (1789–1791) und den USA (1765–1776) wollten sie der Restaurationspolitik infolge des Wiener Kongresses (1814/15) und dem Widerstand der mitteleuropäischen Fürsten gegen den Zeitgeist entgehen. Sie suchten in einer modernen, dynamischen Gesellschaft neue Chancen und bürgerliche Freiheits- und Gleichheitsrechte.
Ein Teil dieser deutschsprachigen Migrant:innen aus Mitteleuropa war laut dem Historiker Avraham Barkai im Zeitraum von 1820 bis 1914 ca. 280.000 sogenannte deutsche Juden, die ähnlich wie ihre christlichen Nachbar:innen aus Frustration über fehlende gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Modernisierung ihr Glück in den USA suchten.
Als Folge der Französischen Revolution und der jüdischen Aufklärung, der Haskala, hatten sich jüdische Lebenswelten in Europa zu verändern begonnen. Politisch, ökonomisch und auch sozial stieß dieser Integrationsprozess jedoch immer wieder an den restriktiven Umgang der deutschen Staaten mit politischen Freiheits- und Gleichheitsrechten und einer unvollständigen Trennung von (christlicher) Kirche und Staat durch die Fürsten. Der Wiener Kongress und die Restaurationspolitik bedeuteten für die Mehrheit der Juden im deutschsprachigen Mitteleuropa, dass ihre Emanzipation unvollständig, nicht linear und zielgerichtet umgesetzt wurde. Sie war vielmehr häufig von Rückschritten begleitet.
So zerstörte die Niederschlagung der Revolution im Jahr 1849, in der die Emanzipation der deutschen Jüdinnen und Juden als Teil der Grundrechte bereits verabschiedet worden war, Rechtssicherheit und Perspektive. Die jüdische wie nicht-jüdische Auswanderung erreichte 1854 ihren Höhepunkt und war Ausdruck der wachsenden Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit. Erst die Nationalstaatsgründung 1871 brachte für alle deutschen Jüdinnen und Juden – ungefähr 90 Jahre nach der französischen und amerikanischen Revolution – die volle Emanzipation.
Die deutschen Jüdinnen und Juden hatten sich längst auf einen Transformationsprozess eingelassen, der sie zu Bürger:innen machen sollte. Ihre Gemeinden begannen sich einer neuen staatlichen Ordnung anzupassen und wurden zu rein religiösen Gemeinden. Dennoch gab es immer noch gravierende Hürden auf dem Weg zur bürgerlichen Existenz, die ausschließlich Jüdinnen und Juden trafen. Daher suchten viele von ihnen eine Zukunft in der Emigration, was durch Auswandererberichte in der zeitgenössischen Presse und eine wachsende Amerikabegeisterung angefeuert wurde.
Es waren die vielfältigen Möglichkeiten, die die Vereinigten Staaten insbesondere während der Besiedelung des amerikanischen Westens den jüdischen Immigrant:innen boten, die sie anzogen und die ihren wirtschaftlichen Pioniergeist weckten. Zu den frühen Pionieren zählte der aus dem oberfränkischen Buttenheim stammende Levi Strauss (1829–1902): Er erreichte 1853 San Francisco, gründete dort einen Stoffhandel und wurde mit seiner Arbeiterhose zu einem amerikanischen Symbol für eine Einwandererkarriere vom Tellerwäscher zum Millionär.
Hinzu kam ein rechtlicher Anziehungsfaktor: Die amerikanische Verfassung und die Bill of Rights (1789/91) – der Grundrechtskatalog der jungen Republik – hatten den jüdischen Einwander:innen die Gleichstellung mit den christlichen Einwander:innen zugesichert. Es handelte sich hier zwar nicht um eine formal-rechtliche ‚Emanzipation der Juden‘, dennoch legte der Erste Zusatzartikel zur Bill of Rights von 1791 umfassende Religionsfreiheit fest. Hierunter fiel die freie Ausübung der Religion, die konsequente Trennung von Kirche und Staat sowie das Verbot der Einführung einer Staatsreligion (non-establishment clause). Diese signalisierten einen großen Freiraum zur Entwicklung eines neuen und selbstbewussten Judentums, das auch davon profitierte, dass es kaum Vertreter einer jüdischen Tradition oder eines jüdischen Establishments gab.
Städte wie Cincinnati, St. Louis, Milwaukee, Chicago und San Francisco wurden nach kurzer Verweildauer an der Ostküste schnell zur neuen Heimat der deutsch-jüdischen Einwander:innen, aber auch in Baltimore und New York City existierten große deutsch-jüdische Gemeinden. Die Mitglieder dieser Gemeinden lebten überwiegend vom Handel, Bankwesen und von Branchen, die direkt oder indirekt mit der Erschließung des amerikanischen Westens und dem Überseehandel zu tun hatten und wurden zu erfolgreichen und angesehenen Bürgern ihrer neuen Heimat, wie der Historiker Tobias Brinkmann für die Stadt Chicago ausführlich nachweisen konnte. Das gilt auch für New York City, wo sich deutsche Jüdinnen und Juden im sogenannten Little Germany, dem Viertel der Neueingewanderten an der Südspitze Manhattans, als Teil einer größeren nicht-jüdischen Einwanderergruppe aus dem deutschsprachigen Mitteleuropa etablierten. In den 1880er Jahren veränderte sich dieses Viertel unter dem Einfluss einer osteuropäischen Massenimmigration und wurde im Sprachgebrauch zur Lower East Side. Erst dann begannen sich die deutschen Jüdinnen und Juden, – Familien, Geschäfte, Vereine und Gemeinden – in den etablierteren Stadtteilen Manhattans (uptown) zu verteilen.
Die deutschen Jüdinnen und Juden fanden zu Beginn ihrer Einwanderung nur wenige Gemeinden vor. 1830 existierten in den USA acht jüdische Kongregationen, das heißt freie religiöse Gemeinden, die sich nach dem Vorbild des amerikanischen (protestantischen) Kongregationalismus als Einzelgemeinden organisiert hatten. Diese waren nicht miteinander verbunden und konnten damit auch kaum religiöse Kontrolle über ihre Mitglieder ausüben. Die existierenden Gemeinden konzentrierten sich in den stark besiedelten und wirtschaftlich aktiven Regionen an der Ostküste und im Süden, nämlich in Newport, Rhode Island, New York City, Philadelphia, in New Orleans und in Charleston, South Carolina, und bestanden aus etablierten Mitgliedern der Gesellschaft, die überwiegend einen angloamerikanischen und sephardischen Hintergrund besaßen, zu dem sich immer mehr mitteleuropäische Jüdinnen und Juden, sogenannte Ashkenazim gesellten. Dennoch folgten bis in die 1820er Jahre alle Gemeinden einem traditionellen Ritus, auch wenn dieser bereits aufzuweichen begann.
Die neue Stellung der Jüdinnen und Juden in der Gesellschaft hatte auch Einfluss auf die religiöse Praxis. Der Wille zu Veränderungen zeigte sich zuerst in Charleston, South Carolina, wo Laien 1824 die Reformed Society of Israelites gründeten, um Reformen im Judentum herbeizuführen. Bis 1840 fehlte in den USA jede rabbinische Autorität, die ein amerikanisches Judentum hätte führen und vereinen können.
Als Folge der Situation in Europa immigrierten in den folgenden Jahren jedoch immer mehr deutschsprachige Rabbiner in die USA. Viele von ihnen besaßen, entsprechend der Emanzipationsgesetzgebung in Süddeutschland, vor allem in Bayern, bereits ein Doktorat von einer säkularen Universität und sahen sich als Verfechter einer kritischen ‚Wissenschaft des Judentums‘ und erkannten in den USA eine besondere Chance für die Entstehung eines neuen modernen Judentums nach ihren Idealen. Zuerst erreichte im Jahr 1840 der orthodoxe, noch traditionell ausgebildete und an der Fürther Jeschiwa ordinierte Abraham Rice (1800–1862) aus Zell in Unterfranken Newport, Rhode Island und ließ sich dann in Baltimore nieder, wo er Rabbiner der orthodoxen Kongregation Nidche Israel wurde. Leo Merzbacher (1809–1856) aus Fürth, der zwar kein Doktorat besaß, aber bereits an säkularen Universitäten studiert hatte, folgte 1842 und wurde ein Jahr später erster Rabbiner der deutschsprachigen orthodoxen Einwandererkongregation Anshe Chesed in New Yorks Einwandererviertel Little Germany. Dort begann er, Reformen nach dem Muster der entstehenden deutschen Reformbewegung einzuführen. Er veränderte die Gottesdienstordnung, die Ästhetik und Liturgie des Gottesdiensts (Predigten, Lieder, Länge des Gottesdienstes) und führte eine Konfirmation für Mädchen und Jungen und andere Reformen ein, die letztlich zum Bruch mit der traditionellen Kongregation führten. Inspiriert von früheren progressiven Mitgliedern seiner Kongregation, schloss sich Merzbacher der zweiten B‘nai B‘rith Loge New Yorks an, aus der 1844 ein Cultus-Verein nach Hamburger Vorbild hervorging. Dieser Verein gründete im deutsch-jüdischen Milieu der Stadt eine neue Kongregation, nämlich den Tempel Emanu-El, der sich ebenfalls an der deutschen Reformbewegung orientierte.
Der aus Böhmen stammende Isaac Mayer Wise (1819–1900), der als einer der wichtigsten Gründer des amerikanischen Reformjudentums gilt und studiert hatte, aber noch kein Doktorat besaß, war bereit, Grundprinzipien der deutschen Reformbewegung aufzugeben und Kompromisse mit dem amerikanisch-jüdischen Mainstream einzugehen. Seine radikaleren deutschen Kollegen, alle vollausgebildete Akademiker, von denen die meisten promoviert waren, nämlich Bernhard Felsenthal (1822–1908), David Einhorn (1809–1879), Samuel Hirsch (1815–1889), Emil Hirsch (1851–1923) und Kaufmann Kohler (1843–1926) betrachteten solche Kompromisse hingegen als gefährliche Aufgabe zentraler und wichtiger Prinzipien der Reform, wie die Gewissensfreiheit des Einzelnen. Sie erhoben in der Debatte hierüber die Freiheit der Einzelkongregation zum Leitprinzip des amerikanischen Judentums, was in den USA auch von anderen Religionen genutzt wurde. So konnte sich die Reformbewegung in den USA viel radikaler entwickeln, als dies in Europa unter der Kontrolle von Staat und jüdischem Establishment (einschließlich der Einheitsgemeinde) jemals möglich war. Auch wenn sich später sogenannte religiöse Strömungen (englisch „movements in American Judaism“) als Laienzusammenschlüsse der Kongregationen bildeten, um größere soziale Projekte gemeinsam umsetzen zu können, hat diese Entscheidung das amerikanische Judentum bis heute nachhaltig geprägt und ist für seinen einzigartigen Pluralismus und die religiöse Unabhängigkeit der Einzelgemeinde verantwortlich.
Institutionell folgte das amerikanische Judentum aber schon früh auch Mustern aus Mitteleuropa: 1875 wurde mit dem ersten amerikanischen Rabbinerseminar, dem Hebrew Union College in Cincinnati, eine Einrichtung gegründet, die sich an der modernen Wissenschaft des Judentums aus Deutschland orientierte und der 1872 in Berlin errichteten Hochschule für die Wissenschaft des Judentums eng verbunden war. 1886 folgte die Gründung des religiös konservativeren Jewish Theological Seminary in New York City nach einem ähnlichen Muster.
Abb. 1: Die Bernheim Library auf dem Campus des Hebrew Union College in Cincinnati, 1913. Das 1875 gegründete College war das erste dauerhafte Rabbinerseminar der Vereinigten Staaten; Portfolio of photographs, issued on the occasion of the 23d Council of the Union of American Hebrew Congregations, Cincinnati 1913; Klau Library, Hebrew Union College.
Im Kontext wachsender jüdischer Einwanderung und damit – unter Wahrung der Gewissensfreiheit – wachsender jüdischer Vielfalt der Einzelkongregationen gefährdete diese Liberalität jedoch die gemeindliche Einheit. So trennten religiöse Konflikte Jüdinnen und Juden vor Ort immer stärker voneinander. Eine Antwort darauf bot der Unabhängige Orden B’nai B’rith, ein explizit jüdischer Orden, der jüdische Tradition mit modernem Leben verband (Freizügigkeit, Mobilität, bürgerliche Identität) und organisatorisch an die Logen der Odd Fellows, einer im 19. Jahrhundert im anglo-amerikanischen Sprachraum populären sogenannten friendly society und der Freimaurerei angelehnt war. Er übernahm eine zentrale Funktion im amerikanischen Judentum, förderte Gemeinschaft und rückte Bildung und gesellschaftliche Präsenz ins Zentrum jüdischer Identität. Die Organisation wurde am 13. Oktober 1843 von zwölf deutschen Juden in New Yorks deutschem Einwandererviertel Little Germany gegründet und ist bis heute eine der bedeutendsten jüdischen Organisationen weltweit. Sie trug in besonderer Weise zum gesellschaftlichen Aufstieg und zur Entwicklung einer starken bürgerlichen Identität und jüdischer Solidarität in der Moderne bei.
Abb. 2: Mitgliedsurkunde des Independent Order of B’nai B’rith, Lithografie von Louis Kurz für die American Oleograph Company, 1876. Der 1843 in New York gegründete Orden war die wichtigste Organisationsform der deutsch-jüdischen Einwanderergeneration; Library of Congress, Prints and Photographs Division, LC-DIG-ppmsca-05662.
Aus diesen Entwicklungen ging ein amerikanisches Judentum hervor, das sich religiös wie kulturell eigenständig verstand und zugleich tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelt war. Religiöse Erneuerung und bürgerliche Selbstverortung gingen dabei eine Verbindung ein, die in dieser Form einzigartig blieb.
Während die Migration aus Mitteleuropa nie völlig abriss, wurde diese Teil einer anhaltenden transatlantischen Beziehungsgeschichte, die einen Austausch in beide Richtungen begründete. Diese neue und auf Jahrzehnte verstetigte enge Beziehung zwischen deutschem und amerikanischen Judentum wird sichtbar in privaten Reisen, der regelmäßigen Rückkehr nach Europa, in der Anbahnung von Ehen und anderen verwandtschaftlichen Beziehungen, in Bildungs- und Studienaufenthalten an deutschen Universitäten, in künstlerischen, philanthropischen und politischen Aktivitäten, im engen Austausch über die Wissenschaft des Judentums und natürlich in vielfältigen privaten und geschäftlichen Beziehungen, die ganze Familien involvierten und beispielsweise transatlantische Handels- und Bankbeziehungen prägten. Ein exzellentes Beispiel für diese anhaltende Beziehungsgeschichte verkörpert der jüdische Orden B’nai B’rith, der seit 1883 mit großem Erfolg in Deutschland Logen gründete, die ein zentraler Bestandteil dieses Verhältnisses wurden. Auch die moderne Geschäftswelt profitierte von dieser Beziehung, so verbrachte der Kaufhausgründer Hermann Tietz (1837–1907) zwei Jahrzehnte seines Lebens in den USA, bevor er in Deutschland das Warenhauswesen einführte. Jüdische Bankhäuser stabilisierten ihre transatlantischen Geschäfte durch Familienbeziehungen sowie eine Heiratspolitik und amerikanische Studierende kamen nach Deutschland, um an aufstrebenden Universitäten neue Wissenschaften zu verfolgen.
Unter dem Eindruck zunehmender Einwanderung aus Süd- und Osteuropa begannen die Behörden 1882 mit einer schrittweisen Beschränkung der amerikanischen Immigration Legislation, die in der Einführung einer sogenannten Nationalitätenquote in den Jahren 1921 und 1924 ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Sie stützte sich auf eine Quote einzelner Herkunftsländer aus der Zeit vor der Masseneinwanderung und bremste so gezielt die neue Zuwanderung aus Ost- und Südeuropa, obwohl der Einwanderungsdruck aus Nord- und Westeuropa längst nachgelassen hatte. Generell wurde der Prozess der Zuwanderung mit der neuen Gesetzgebung stark eingeschränkt, bürokratisiert und kontrolliert. Visa mussten bereits vor der Abreise durch ein amerikanisches Konsulat im Ausland ausgestellt werden.
Dennoch kam auch in dieser Zeit die deutsch-jüdische Emigration nicht zum Erliegen, vielmehr entwickelte sich eine enge Beziehungsgeschichte zwischen deutschen und amerikanischen Juden, die auf engem kulturellem und wirtschaftlichem Austausch basierte.
Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Jahr 1933 setzte zunächst eine zögerliche, bald aber rasch zunehmende Migration deutscher Jüdinnen und Juden in die USA ein. Während die USA zunächst für viele Emigrationswillige noch ein weit entferntes, aus bürokratischen und finanziellen Gründen schwer zu erreichendes und weniger gefragtes Emigrationsziel waren, erreichte die Zahl der jüdischen Geflüchteten aus Mitteleuropa in den Jahren 1937 bis 1940 einen Höhepunkt. Die sogenannten „Nürnberger Gesetze“ unterstrichen im Herbst 1935 die Entschlossenheit des NS-Regimes zur rechtlichen Ausgrenzung der deutschen Juden. Dieser Kurs wurde nur kurz während der Olympiade 1936 in den Hintergrund gestellt, erfuhr dann aber bereits im Jahre 1937 und 1938 eine deutliche Verschärfung: Jüdische Gemeinden mussten ihre Synagogen aufgeben, die angeblich nicht in das jeweilige Stadtbild passten, der „Anschluss“ Österreichs März 1938, des Sudetenlandes (Sept./Okt. 1938), die Vertreibung der polnischen Juden aus Deutschland im Oktober 1938 und schließlich die Pogromnacht vom 9./10. November 1938 demonstrierten immer mehr Juden und Jüdinnen die Entschlossenheit und Brutalität des immer aggressiver agierenden Deutschlands, was eine Massenflucht auslöste. Der im Juli 1938 auf Initiative der USA stattfindenden Konferenz von Evian, die die Flüchtlingskrise entschärfen sollte, gelang es nicht, die Situation jüdischer Flüchtlinge nennenswert zu verbessern. Sie trug vielmehr auf traurige Weise dazu bei, die besondere Verwundbarkeit jüdischer Flüchtlinge sichtbar zu machen und wurde zum Symbol einer unentschlossenen und verfehlten Flüchtlingspolitik der Welt.
Es wird geschätzt, dass zwischen 1933 und 1941 etwa 140.000 deutsche und österreichische Jüdinnen und Juden die USA erreichten. Damit waren die USA das wichtigste Aufnahmeland für Geflüchtete aus Deutschland und Österreich – noch vor Frankreich, Großbritannien und Palästina. 1933 war die Anzahl jüdischer Emigrant:innen noch gering und bestand vor allem aus deutsch-jüdischen Wissenschaftler:innen, Intellektuellen, Studierenden und Künstler:innen, die bereits infolge der ersten politischen Säuberungswellen 1933 und 1934 sowie des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 geflohen waren. Viele von ihnen erhielten an einer amerikanischen Universität oder in der aufstrebenden Entertainmentindustrie rund um Hollywood einen Zeitvertrag und konnten damit schnell und relativ unbürokratisch ein Visum außerhalb der Nationalitätenquote (non-quota visa) beantragen. Kein anderes Land nahm so viele Wissenschaftler:innen wie die USA auf, die durch eigene Vereine wie das Emergency Committee in Aid of Displaced German Scholars oder die American Guild for German Cultural Freedom unterstützt wurden, darunter der Physiker Albert Einstein (1879–1955), der Sozialpsychologe Erich Fromm (1900–1980), die Philosophin und Publizistin Hannah Arendt (1906–1975), der Kunsthistoriker Erwin Panofsky (1892–1968) sowie die junge Wiener Emigrantin Gerda Lerner (1920–2013), die später zu einer Pionierin der US-amerikanischen Frauengeschichte wurde.
Insgesamt stand das Einwanderungsland USA der Rettung jüdischer Geflüchteter restriktiv gegenüber. Die Einwanderung war nur mit einer Bürgschaft (Affidavit) eines amerikanischen Bürgers bzw. Bürgerin möglich und erforderte ein Visum, das einer Quotenregelung unterlag. Während die US-Behörden oft nicht alle Quotenvisa ausgaben, waren seit Juli 1941 außerdem zwei Bürgschaften nötig. Angesichts der Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise, die ihren Ausgang 1929 in den USA genommen hatte, sahen viele Amerikaner:innen in den meist gut ausgebildeten Geflüchteten aus Europa eine Konkurrenz. Am bekanntesten für diese ablehnende Haltung ist hier sicherlich der Fall der St. Louis: Im Juni 1939 ankerte das mit Jüdinnen und Juden aus Deutschland vollbesetzte Schiff vor Florida, nachdem es in Kuba abgewiesen worden war, und wurde vor den Augen der Weltöffentlichkeit wieder nach Europa zurückgeschickt.
Abb. 3: Ansichtskarte der MS St. Louis, um 1939. Foto von Max Reid. Das Schiff verließ Hamburg im Mai 1939 mit über 930 jüdischen Geflüchteten an Bord und musste nach Europa zurückkehren, nachdem Kuba und die Vereinigten Staaten die Aufnahme verweigert hatten; United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Julie Klein.
Die deutschsprachige Minderheit in den USA hatte sich in den 1930er Jahren unter dem Einfluss des Nationalsozialismus zunehmend politisiert. Das veränderte auch ihr Verhältnis zur deutsch-jüdischen Diaspora. Die bereits in der Zwischenkriegszeit von Neueinwander:innen gegründeten nationalsozialistischen Ortsgruppen wurden nach der Machtübertragung Ausgangspunkt zur Organisation eines ‚Gau USA‘ und später des dezidiert NSDAP-treuen German American Bund. Die US-Regierung versuchte, diese Politisierung gesetzlich einzudämmen – nicht nur unter Deutschamerikaner:innen, sondern auch in anderen, seit den 1920er Jahren gewachsenen Milieus, etwa unter italienischen, weißrussischen und ukrainischen Einwander:innen, die ein starker Antikommunismus und teils offene Sympathien für den Faschismus verbanden. Auch die deutschsprachige Presse geriet unter Druck, und die Selbstdarstellung des ‚deutschen Erbes‘ in den USA blieb davon noch über Jahrzehnte geprägt.
Die Einwanderung deutschsprachiger jüdischer Geflüchteter belief sich vor 1941 auf etwa 140.000 bei einer Gesamtbevölkerung von rund 4,5 Millionen Jüdinnen und Juden in den USA. Geflüchtete, die zeitlich begrenzte non-quota Visa (Tourist:innen, Studierende, Gastprofessor:innen) besaßen, die nicht explizit eine Einwanderung im Sinne der dauerhaften Niederlassung versprachen, wurden hier aber nicht erfasst, auch wenn diese Personengruppe de facto meist in den USA blieb und ihren Visa-Status anpasste. Die Gruppe der zwischen 1933 und 1941 eingewanderten deutschen Jüdinnen und Juden war überwiegend einer gebildeten bürgerlichen Mittelklasse zuzurechnen.
Viele zogen in das nördliche Manhattan, wo neben der Upper West Side der Stadtteil Washington Heights zum Zentrum der deutsch-jüdischen Diaspora wurde – ‚Frankfurt on the Hudson‘ mit Synagogen und Kaffeehäusern im Wiener Stil wie dem Café Eclair. Neben dem La Coupole, dem Café Old Europe oder dem Café Vienna gehörte es zu den beliebtesten Cafés, in dem deutschsprachige Jüdinnen und Juden zusammenkamen, um in vertrauter Atmosphäre zu essen, zu trinken, zu lesen und sich zu unterhalten. Nicht nur in Washington Heights, auch an der Upper West Side entstanden solche Orte – das Café Eclair an der 72. Straße bestand von 1939 bis in die 1990er Jahre und eröffnete einen sozialen Raum, der auf Vertrautes zurückgriff, das die Besucher:innen aus Europa kannten.
Neben der beliebten Kaffeehauskultur diente die Zeitung Aufbau dem Austausch in deutscher Sprache. Sie erschien erstmals 1934 als deutschsprachiges Mitteilungsblatt des zehn Jahre zuvor in New York gegründeten German-Jewish Club (später New World Club) und informierte zunächst vor allem über die Aktivitäten des Vereins. Daneben erschienen Artikel über jüdische Kultur und politische Ereignisse in den USA sowie praktische Informationen für jüdische Geflüchtete. Im Laufe der Jahre konzentrierten sich die Beiträge zunehmend auf internationale Ereignisse und die Behandlung von Jüdinnen und Juden – etwa im Zuge von Restitutionsforderungen – in Deutschland. Der Aufbau, der die Integration seiner Leser:innen in die amerikanische Gesellschaft verfolgte, wurde über die USA hinaus zur meistgelesenen Informationsquelle der deutsch-jüdischen Diaspora, die bis 2004 in New York erschien.
Abb. 4: Titelseite der ersten Ausgabe des Aufbau, 1. Dezember 1934, herausgegeben vom German-Jewish Club in New York. Aus dem Mitteilungsblatt des Vereins wurde die wichtigste Zeitung der deutschsprachigen jüdischen Emigration; Courtesy of the Leo Baeck Institute, NY; © Archiv AUFBAU in der JM Jüdischen Medien AG, Zürich.
Für die deutschen Wissenschaftler:innen erwies sich die Vielfalt des amerikanischen Bildungssystems als Vorteil, wie im Falle der New School for Social Research in New York, an der zahlreiche deutsche Emigrant:innen lehrten – ein besonderes Beispiel eines gelungenen Wissenstransfers. Zu ihnen zählten ein Teil der Gründungsfiguren der ‚University of Exile‘ Emil Lederer, Frieda Wunderlich, Eduard Heimann, Hans Simons, Emil J. Gumbel, Hans Jonas, Max Wertheimer und Leo Strauss (1899–1973), der dort von 1938 bis 1948 lehrte. Hannah Arendt (1906–1975) kam 1967 an die New School. Die beiden Philosophen und Hauptvertreter der sogenannten Frankfurter Schule Max Horkheimer (1895–1973) und Theodor W. Adorno (1903–1969) lehrten am Institut für Sozialforschung, das der Columbia University angegliedert war. Auch wenn viele Personen mit der Emigration zunächst einen gesellschaftlichen Abstieg erlebten, erwiesen sich deren Bildung und Ausbildung langfristig als nützlich für die Integration. Durch intensive Selbstorganisation in Emigrantenvereinen, die die rasche und erfolgreiche Eingliederung der Geflüchteten förderten oder ihre Rechte als Verfolgte des NS-Regimes vertraten (zum Beispiel ‚Self-Help‘ und ‚Council of Jews from Germany‘), setzten sie die Eigeninitiative fort, die sie schon vor der Emigration in den deutschen Gemeinden bewiesen hatten. Ihre Belange, Sorgen und Bedenken kommunizierten sie von New York aus über den Aufbau in die global zerstreute Diaspora des deutschsprachigen Judentums. Der Logenvereinigung B’nai B’rith gelang es, mit ihrer großen internationalen Präsenz vielen deutsch-jüdischen Geflüchteten nach der Flucht eine neue Heimat in deren Exilländern zu bieten und gab damit Raum für Kontinuität, Solidarität und Anknüpfung. Entscheidende Unterstützung erhielten die deutschsprachigen jüdischen Geflüchteten auch durch andere amerikanisch-jüdische Hilfsorganisationen wie das American Jewish Joint Distribution Committee oder die Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS). Sie waren bereits 1914 bzw. 1881 in New York gegründet worden und unterstützten von dort aus Geflüchtete weit über die USA hinaus.
Die Integration deutscher Geflüchteter in das religiöse amerikanische Judentum erfolgte meist schrittweise und war abhängig sowohl vom religiösen Hintergrund der Betroffenen, der nicht immer exakt mit den amerikanisch-jüdischen religiösen Strukturen korrespondierte, als auch von deren Alter und dem Vorhandensein einer deutschen Gemeinde von Geflüchteten. Im Allgemeinen fanden liberale Jüdinnen und Juden leichter Anschluss im amerikanischen Reformjudentum und in konservativen Gemeinden. Schwieriger war die Situation der ‚modernen‘ deutschen Orthodoxie, die sich signifikant von der orthodoxen Bewegung in den USA unterschied und auch ethnisch nur schwer den Kontakt zu den existierenden Gemeinden fand. Ihre Einwanderergemeinden schätzten aber die Möglichkeit, als freie Gemeinde in der pluralen religiösen Verfasstheit der USA mit deutschsprachigem Gottesdienst und Ritus für ein oder zwei Generationen weiterexistieren zu können. Ein beeindruckendes Beispiel für Kohäsion und Identitätserhalt bietet die Kongregation Kahal Adass Jeshurun. Ihre Gründungsmitglieder stammten aus der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft – jener streng orthodoxen Gemeinde, die sich 1851 unter Samson Raphael Hirsch (1808–1888) von der liberal geprägten Einheitsgemeinde gelöst hatte und für ihre Verbindung von Tora-Treue und bürgerlicher Bildung (Tora im Derech Eretz) bekannt geworden war. Im legendären New Yorker Einwandererviertel Washington Heights im Norden Manhattans setzte Rabbiner Joseph Breuer (1882–1980), ein Enkel Hirschs, diese Tradition fort. Die überwiegend von konservativen und orthodoxen Jüdinnen und Juden bewohnte Gegend wurde wegen der starken Präsenz deutscher Geflüchteter, von Zeitgenossen auch als das „Vierte Reich“ bezeichnet.
Aufgrund der historischen Nähe zwischen deutschem und amerikanischem Judentum gelang es den amerikanischen religiösen Bewegungen, deutsche Rabbiner durch non-quota visa zu retten, die sich nach ihrer Einwanderung in den verschiedenen religiösen Strömungen des amerikanischen Judentums einbrachten.
Hier zeigt sich ein Kultur- und Wissenstransfer, der lange übersehen wurde. Deutsche Rabbiner übertrugen als Lehrer, Wissenschaftler oder Übersetzer das Wissen und die Inhalte deutsch-jüdischer Denker und reflektierten damit die Geschichte eines dezidiert modernen Judentums in der Gesellschaft. Aus ihren persönlichen Erfahrungen mit dieser größten Krise des 20. Jahrhunderts entwarfen sie neue Modelle einer modernen jüdischen Diaspora-Identität. Teilweise griffen sie hier auf bereits existierende Handlungsmuster und Konzepte zurück, die in Mitteleuropa bereits in den 1920er Jahren entstanden waren, auch dort das Rabbinat bereits verändert hatten und nur durch die jähe Ausgrenzung durch Judenhass und Nationalsozialismus überschattet wurden. Diese Neuentwürfe jüdischer Identität und die späte Auseinandersetzung mit der Geschichte werden erst spät in ihren Lebensläufen, Erinnerungen, Publikationen und der akribischen Analyse ihrer Karrieren sichtbar. Sie zeigen ein lebendiges Bild dieser Emigration, die bewusst eine Zukunft für die deutsch-jüdische Tradition suchte.
Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erreichten deutschsprachige Jüdinnen und Juden weiterhin die USA, wo sie sich dauerhaft niederließen. Oft hatten sie die Kriegsjahre an anderen Fluchtorten verbracht, die keine langfristige Perspektive boten, oder hatten versteckt in Europa oder an anderen Orten die Schoa überlebt. Sie profitierten von der Gesetzgebung für Displaced Persons (DPs), die wegen der Kriegsfolgen auf der Flucht waren oder nicht repatriiert werden konnten. Der Displaced Persons Act, den die USA 1948 erließen, ermöglichte es vielen dieser Menschen, eine neue Heimat zu finden. Die Zahl der jüdischen DPs in Deutschland wird auf rund 250.000 geschätzt, dabei handelte es sich um Überlebende aus nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern, aber auch um jüdische Flüchtlinge aus Polen und der Sowjetunion. Sie waren vor allem in der amerikanischen Besatzungszone gestrandet, wollten Deutschland verlassen, mussten aber oft jahrelang auf die Einreise nach Palästina/Israel, in die USA oder nach Kanada warten. Hinzu kamen bis zu zwölf Millionen nicht-jüdische ausländische ‚Fremd- und Zwangsarbeiter‘, überwiegend aus Osteuropa, die nach 1945 nicht mehr in ihre Heimat zurückgehen konnten oder wollten, vertriebene ethnische Deutsche aus Polen, der Tschechoslowakei und anderen Siedlungsgebieten Osteuropas, sowie deutsche Geflüchtete aus den an Polen abgetretenen deutschen Gebieten. Insgesamt erreichten so bis zum Beginn der 1950er Jahre weitere 400.000 jüdische und nicht-jüdische Einwander:innen aus Mitteleuropa die USA.
In der Nachkriegszeit wurde die deutsch-jüdische Diaspora in den USA zu einem wichtigen Zentrum der Erinnerung. Sie bewahrte die hochdifferenzierte Kultur des deutschen Judentums und versuchte, dessen Untergang zu verstehen sowie an diese jüdische Kultur zu erinnern. 1955 wurde mit der Gründung der drei Leo Baeck Institute (LBI) in New York, London und Jerusalem ein Grundstein für die Dokumentation und Erforschung der eigenen Geschichte gelegt, die eine wissenschaftliche Selbstreflektion einleitete und heute durch die Arbeit eines Archivs des LBI am Jüdischen Museum Berlin und der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des LBI (WAG) in Deutschland in Berlin unterstützt wird.
Abb. 5: Hannah Arendt auf dem 1. Kulturkritikerkongress in München, 1958. Foto von Barbara Niggl Radloff. Arendt war 1941 in die Vereinigten Staaten emigriert und kehrte nach dem Krieg regelmäßig nach Deutschland zurück; Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv Barbara Niggl Radloff, FM-2019/1.5.9.16, CC BY-SA 4.0.
Eine Rückkehr jüdischer Geflüchteter nach Deutschland oder Österreich fand im Allgemeinen nur selten statt. Eine Ausnahme waren junge Geflüchtete wie der Journalist und Publizist Ernst Cramer (1913–2010) oder der Berufssoldat Fred Goldsmith (1920–2019), die nach ihrer Emigration für den US-Geheimdienst ausgebildet wurden und nach 1945 von den amerikanischen Besatzungsbehörden bewusst als ehemalige Verfolgte des NS-Regimes zur Beurteilung der Verhältnisse in NS-Deutschland eingesetzt wurden. Sie arbeiteten in vielen Diensten und Einheiten der US-Armee – im Office of Strategic Services (OSS), in der G-2 Intelligence oder der Naval Intelligence. Am bekanntesten wurde die Feldnachrichtentruppe der sogenannten Ritchie Boys, die die Besatzung Deutschlands nach der Landung in der Normandie entscheidend mitprägte.
Abb. 6: Angehörige der 4th Communications Unit mit den von ihnen herausgegebenen deutschsprachigen Zeitungen, um 1944/45, darunter Hans Habe, Stefan Heym und Konrad Kellen. Fast alle Mitglieder der Einheit waren eingebürgerte Amerikaner und Geflüchtete aus NS-Deutschland; United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Joseph Eaton.
Andere Begegnungen mit Deutschland beschränkten sich nach 1945 meist auf kurze Aufenthalte oder organisierte Besuchsreisen. Verfolgung, Vertreibung und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden in der Schoa waren hierfür Grund genug. Dennoch brach der Austausch nie vollständig ab, auch wegen der engen politischen Beziehung Westdeutschlands zu den USA im Kalten Krieg. Diese Nähe wurde zum Ausgangspunkt einer allmählichen Annäherung, die vor allem die Entwicklung der westdeutschen Demokratie und die Ahndung nationalsozialistischer Verbrechen kritisch begleitete.
Etwas anders als in der Bundesrepublik gestaltete sich die Situation in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), die manchen Geflüchteten eine Alternative zur Bundesrepublik zu sein schien. So kehrte 1953 der sozialistische Autor und amerikanische Staatsbürger Stefan Heym (1913–2001) wegen drohender Verfolgung durch das Un-American Activities Committee in die DDR zurück. Den demokratischen Sozialismus, den er suchte, fand er dort allerdings auch nicht.
Auch wenn viele deutsche Jüdinnen und Juden nach Vertreibung und Schoa Reisen nach Deutschland entschieden ablehnten, gab es dennoch keine Gleichgültigkeit gegenüber der ehemaligen Heimat, die so viel Unrecht und Schmerz über das jüdische Volk gebracht hatte. Während Besuchsprogramme des Auswärtigen Amts oder deutscher Städte versuchten, davon zu überzeugen, dass sich Deutschland nach 1945 gewandelt hatte und zu einem der zuverlässigsten Partner der USA im Kalten Krieg geworden sei, blickten viele der Besucher:innen doch kritisch-mahnend auf die Bundesrepublik. Zu den wichtigen Impulsen der 1960er Jahre gehörte auch die Neugründung deutscher B’nai B’rith-Logen im Jahr 1961. Sie verstetigten jüdisches Leben in der Bundesrepublik und verankerten die neue Gemeinde im transatlantischen Kontext. Ein weiterer Impuls aus der amerikanischen Diaspora war nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 die Neugründung deutscher Rabbinerseminare, der ersten nach der Schoa. Die neuen Einrichtungen entstanden 1999 als Abraham Geiger Kolleg und 2013 als Zacharias Frankel College an der ebenfalls 2013 neugegründeten School of Jewish Theology der Universität Potsdam. 2009 war bereits das orthodoxe Rabbinerseminar zu Berlin wiedererrichtet worden. Alle Neugründungen betonten die historische Verbindung zu den 1938 gewaltsam geschlossenen Vorgängereinrichtungen, die das deutsche Judentum in Europa und in der Diaspora geprägt hatten und deren Gedankengut schließlich in der amerikanischen Diaspora überlebte.
Die deutsch-jüdische Diaspora in den USA prägt das amerikanische Judentum bis heute. Sie hinterließ Institutionen wie das Leo Baeck Institute und das Hebrew Union College, Stadtviertel wie Washington Heights und eine reiche Erinnerungskultur in Memoiren, Filmen und Forschung. Im Vergleich zu anderen Einwander:innen zeichnet sie sich jedoch stark durch ihre Offenheit gegenüber der amerikanischen Gesellschaft aus. Sowohl im 19. Jahrhundert wie auch im 20. Jahrhundert wandten sich die sogenannten deutschen Juden begeistert dem amerikanischen Gemeinwesen, seiner Gesellschaft und Politik zu, auch wenn sie im Privaten, in Familie und Kongregation noch deutsche Formen pflegten und die Erinnerung an ihre Vergangenheit und europäische Kultur aktiv und stolz aufrechterhielten. Sie begaben sich erfolgreich auf den Weg in die amerikanische Mittelklasse, in politische und öffentliche Ämter sowie in die amerikanische Kultur, und sind bis heute sichtbar und präsent. Hierzu gehören Prominente, wie Hannah Arendt, Albert Einstein, der Politikwissenschaftler und spätere US-Außenminister Henry Kissinger (1923–2023), die Sexualtherapeutin Ruth Westheimer (1928–2024), die Komponisten Kurt Weill (1900–1950) und Hanns Eisler (1898–1962), der Dirigent Otto Klemperer (1885–1973), die Sozialphilosophen der Frankfurter Schule Herbert Marcuse (1898–1979) und Theodor Adorno, der politische Philosoph Leo Strauss (1899–1973), die Rabbiner Joseph Breuer, Joachim Prinz (1902–1988) und Max Nussbaum (1908–1974), das Schriftstellerehepaar Lion (1884–1958) und Marta Feuchtwanger (1891–1987), die Bestsellerautorin Vicki Baum (1888–1960), die Drehbuchautorin und Salongastgeberin Salka Viertel (1889–1978) sowie viele andere, die hier nicht genannt werden können, die die deutsch-jüdische Diaspora geprägt haben.
Abb. 7: Lion und Marta Feuchtwanger in Marseille, um 1940. Der Schriftsteller war aus dem Lager Les Milles freigekommen und wartete auf die Ausreise in die Vereinigten Staaten; United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Donald Carroll.
Leo Baeck Institute New York: https://www.lbi.org/.
Aufbau (Digitalarchiv): https://archive.org/details/aufbau.
Steven Spielberg Film and Video Archive (USHMM): https://www.ushmm.org/collections/the-museums-collections/about/film-and-video-archive.
JDC Archives: The Story of the St. Louis (https://archives.jdc.org/topic-guides/the-story-of-the-s-s-st-louis/).
German Refugee Rabbis in the United States after 1933, edited by Cornelia Wilhelm, https://mira.geschichte.lmu.de/
Immigrant Entrepreneurship: German-American Business Biographies 1720 to the Present, https://www.immigrantentrepreneurship.org.
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Cornelia Wilhelm ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Arbeit fokussiert die Themenbereiche „race, ethnicity, and religion“ in der jüdischen, wie auch in der nicht-jüdischen Geschichte in komparativer, transnationaler Perspektive. Sie unterrichtete unter anderem als Distinguished DAAD-Visiting Professor in Geschichte und Jüdischen Studien an der Emory University (2010-2016) und ist Autorin der Monographien Bewegung oder Verein? Nationalsozialistische Volkstumspolitik in den USA (1998), Deutsche Juden in Amerika: Bürgerliches Selbstbewusstsein und jüdische Identität in den Orden B'nai B'rith und Treue Schwestern, 1843-1914 (2007) (engl. Pioneers of a New Jewish Identity: The Independent Orders of B’nai B’rith and True Sisters, 2011) und The Last Generation of the German Rabbinate (2024).
Cornelia Wilhelm, Eine besondere historische Verbindung zum deutschen Judentum: Die deutsch-jüdische Diaspora in den USA, in: Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora, 15.09.2026. <https://diaspora.juedische-geschichte-online.net/beitrag/gjd:article-68> [15.09.2026].